Watt statt Muckis

winsch

24.12.2011 von Michael Häßler

Elektrische Winschen können, sinnvoll eingesetzt, einen hohen Komfortgewinn bedeuten, und gerade bei großen Booten ohne durchtrainierte „Gorillas“ an Bord sind sie fast unverzichtbar.


Dabei sind elektrische Fallwinschen manchmal sinnvoller als elektrische Schotwinschen, und bei einem Boot ab etwa zehn Metern Länge und einer Kette von acht Millimetern kann man auch über eine elektrische Ankerwinsch diskutieren. Neben dem reinen Komfortgewinn kommen dabei auch Sicherheitsaspekte ins Spiel. Denn wer das nicht greifende Ankergeschirr zum fünften Mal hintereinander mit einem schweren Ballen Seegras von Hand nach oben zieht, könnte beim sechsten Versuch dazu neigen, die Haltekraft nicht mehr so sorgfältig zu überprüfen.
Ankergeschirr

Wir reden in diesem Zusammenhang nicht vom Bade- oder Kaffeepausen-Anker, sondern von einem Ankergeschirr, das auch bei anspruchsvolleren Bedingungen in der Lage ist, das Boot auf Position zu halten. Also davon, dass es sich um ein „ausgewachsenes“ Ankergeschirr handelt.
Auch wenn die Haltekraft eines Ankers weniger vom Gewicht abhängt, darf geringes Gewicht nicht das Hauptkriterium bei der Auswahl sein. Denn die Zuverlässigkeit hat durchaus etwas mit dem Gewicht zu tun: Von zwei ansonsten identischen Ankern wird sich der schwerere schneller eingraben, was in Situationen, bei denen es schnell
gehen muss, ganz entscheidend sein kann. Ist der Anker einmal eingegraben, spielt das Gewicht keine Rolle mehr, sondern nur noch die Flunkenfläche und deren Geometrie.

Bauformen
Welche Form von Ankerwinsch aufs Boot kommt, hängt von verschiedenen Kriterien ab. Eines davon ist die Tiefe des Kettenkastens. Bei flachen Kettenkästen sind Ankerwinschen mit horizontaler Achse besser geeignet, weil hier die Kette gleich in senkrechter Lage von der Kettennuss abläuft und man dadurch ein paar Zentimeter an frei hängender Höhe gewinnt. Grundsätzlich sollte bei vollem Kettenkasten immer noch eine freie Fallhöhe von 40, besser 50 Zentimetern vorhanden sein, damit der hängende Part schwer genug ist, um die Kette nach unten zu ziehen und sich nicht zwischen Nuss und Klüse aufbaut und das gesamte System blockiert.
In flachen Kettenkästen hat eine Kette aus Edelstahl Vorteile: Durch deren glatte Oberfläche verteilt sich diese breiter in der Kettenlast und baut sich weniger auf.
Die nächste Überlegung betrifft das Verholspill. Eine Winde ohne Spillkopf ist kompakter und zumindest für Segelboote besser geeignet. Außerdem kann man hier schon deshalb auf ein Spill verzichten, weil genug Winschen vorhanden sind. Auf einem großen Motorboot sieht das wieder anders aus.
Eine Ankerwinsch mit vertikaler Achse braucht nur wenig Platz an Deck, weil der Motor unter Deck montiert ist und im Prinzip nur die flache Kettennuss zu sehen ist.
Kettennuss
Die Kettennuss muss zum Ankergeschirr passen. Dafür muss man die Norm kennen, die der eigenen Ankerkette entspricht. Bei in Deutschland gefertigten Ketten ist das die DIN 766, und Ketten aus anderen europäischen Ländern sind oft nach ISO-Standard gebaut. Daneben gibt es noch Ketten mit Zoll-Maßen, die außerhalb Europas üblich sind.
Sechs und acht Millimeter starke Ketten sind nach DIN und ISO identisch. Unterschiede in der Einteilung gibt es erst ab einer Größe von 10 Millimetern.
Eine Kombination aus Kette und Leine hat, zumindest bei ungemütlichen Bedingungen, technische Vorteile. Die flexible Leine federt Spannungsspitzen auch dann noch elastisch ab, wenn die Kette „einrucken“ würde. Das kommt dann vor, wenn bei gespannter Kette gleichzeitig eine Welle den Bug anhebt.
Hierbei besteht die Gefahr, dass der Anker aus dem Grund gerissen wird oder  ein Schaden am Ankergeschirr oder der Klampe entsteht. Eine Kette kann Spannungsspitzen nur elastisch abfedern, so lange sie durchhängt.
Für Leinen-Kette-Kombinationen gibt es spezielle Kombi-Nüsse, die sowohl Kette als auch?Leine einziehen, ohne dass die Verbindung umständlich und unfallträchtig zwischen Spill und Nuss hin und her gelegt werden muss. Das setzt aber voraus, dass Kette und Leine mit einem speziellen Kettenspleiß verbunden sind, der von der Nuss eingezogen wird.

Wie viel Leistung?
Das Gewicht des kompletten Ankergeschirrs bildet die Grundlage für die Dimensionierung der Ankerwinsch. Deren Arbeitslast soll, nach einer Faustformel, etwa das Dreifache des Gewichts von Anker, Kette und Leine nicht unterschreiten. Eine noch höhere Arbeitslast ist dann
sinnvoll, wenn man auf minimalen Verschleiß und eine lange Nutzungsdauer Wert legt.
Oft bieten stärkere Winden auch eine höhere Einzugsgeschwindigkeit, was insbesondere das „Anker-auf-Manöver“ vereinfacht. Ein Boot
ist mehr oder weniger manövrierunfähig, solange der Anker noch nicht an Deck angekommen ist. Wenn Gewicht und Platzbedarf keine Rolle spielen, sollte man bei der Auswahl der Ankerwinsch jedenfalls nicht geizig sein.
Auch sollte die Möglichkeit geprüft werden, die Ankerwinsch unter Deck im Ankerkasten einzubauen, damit der Platz auf dem ohnehin meist engen Vorschiff frei bleibt. Das hat insbesondere bei Segelbooten Vorteile, weil das Unterliek des Vorsegels dann auf dem Deck aufliegen kann. In diesem Fall hat eine horizontale Winsch Vorteile, weil diese unkritischer bezüglich des vertikalen Kettenwinkels ist.

Verschiedene Getriebe
Bei Ankerwinden gibt esdrei wesentliche Getriebeausführungen: Schneckentrieb, Linearantrieb und Zahnriemen. Der Schne­ckentrieb im Ölbad ist selbsthemmend, mechanisch sehr robust und benötigt keine zusätzliche Bremse. Nachteilig ist sein etwas geringerer Wirkungsgrad, was höhere Stromstärken und daraus resultierend dickere Kabel bedingt. Diese Variante stellt die mechanisch solideste Lösung dar und sollte immer dann gewählt werden, wenn die Einbausituation dies erlaubt.
Dem steht der Linearantrieb gegenüber, der bei gleicher Kraft etwas weniger Strom braucht und deswegen mit weniger Aufwand beim elektrischen Anschluss daherkommt. Allerdings erfordert dieses Konzept eine Bremse und damit einen
größeren mechanischen Aufwand, was zusätzliche potenzielle Fehlerquellen schafft.
Ähnlich sieht es bei Ausführungen aus, bei denen die Kraft des Motors mittels Zahnriemen auf die Spindel übertragen wird. Auch hier treten relativ geringe Getriebeverluste auf, und es ist eine spezielle Bremseinrichtung nötig. Der Zahnriemen ist ein Verschleißteil und muss regelmäßig kontrolliert werden.

Elektrischer Anschluss
Aufnahmeleistungen von 1000 Watt oder darüber sind bei einer Ankerwinde für mittlere Bootsgrößen die Regel. Das bedeutet eine Stromstärke von über 80 Ampere bei 12 Volt Nennspannung. Soll dieser Strom von der normalen Verbraucherbatterie geholt werden, die irgendwo mittschiffs oder bei Motorbooten im achteren Bereich eingebaut ist, werden große Kabelquerschnitte von 35 oder gar 50 Quadratmillimetern erforderlich.
Vorteilhafter ist daher eine separate Batterie in Winschnähe, die über ein Trennrelais von der Lichtmaschine mit Ladung versorgt wird. Besitzt das Boot ein Bugstrahlruder, kann diese Batterie zusätzlich dafür genutzt werden.
Wegen der kurzen Einschaltdauer und der flachen Entladung werden keine hohen Ansprüche an die Batterie gestellt. Es kann eine kleine und preisgünstige Starterbatterie verwendet werden. Wegen der Krängung sollte auf Segelbooten aber eine geschlossene Bauweise verwendet werden. Eine AGM-Batterie ist wegen der robusteren Bauweise vorzuziehen, auch wenn diese teurer ist. Eine Gelbatterie ist dagegen keine gute Wahl, weil dieser Akkutyp wegen der hohen Ströme vielfach überdimensioniert sein müsste.
Bei langen Kabelwegen, auf großen Booten und mehreren Elektrowinschen könnte auch ein?Bordnetz mit 24 Volt interessant
sein. Mit doppelter Spannung halbiert sich bei gleicher Leistung die Stromstärke, was kleinere Leiterquerschnitte und auch kleinere Sicherungen möglich macht.

Bedieneinheit
Die Ankerwinsch wird über ein Relais geschaltet, das von der Bedieneinheit angesteuert wird. Im einfachsten Fall ist das ein Taster, der bei Motorbooten am Steuerstand untergebracht wird. Eine solche Lösung eignet sich insbesondere für Einhandbetrieb, setzt aber eine Anker- und Bugrollenkombination voraus, die zuverlässig funktioniert und bei der niemand per Fußtritt oder auf andere Weise manuell eingreifen muss. Das ist zwar gängige Praxis, aber auch unfallträchtig.
Eine andere Möglichkeit sind ins Deck eingelassene Taster mit Schutzabdeckung, die mit dem Fuß bedient werden. Auch Handfernbedienungen sind üblich. Diese sind entweder mit einem Kabel ausgerüstet und werden mit einer Buchse im Ankerkasten verbunden oder funktionieren über Funk. Für die Funk-Variante spricht, dass man durch kein Kabel eingeschränkt wird und die Ankerwinsch von mehreren Positionen auf dem Boot bedient werden kann. Außerdem stellen Kabel und Steckverbindungen immer eine potenzielle Fehlerquelle dar.
Komfortable Ankerwinden besitzen ein Zählwerk für die ausgebrachte Kettenlänge, die entweder auf einer Anzeige am Steuerstand oder an der Handfernbedienung angezeigt werden kann.
Handhabung
„Freifallfunktion“ bedeutet, dass die Bremse der Kettennuss komplett gelöst wird und der Anker durch sein Gewicht schnellstmöglich fällt. Bei verschiedenen Modellen kann diese Funktion auch per Fernbedienung vom Fahrstand ausgelöst werden. Ob es sinnvoll ist, die Kette mit ungebremster Geschwindigkeit ausrauschen zu lassen, sei dahingestellt. Von einem Kettenberg auf dem Seegrund hat niemand etwas. Auch hat der Autor es schon erlebt, dass die Kette dabei aus der Nuss sprang und das gesamte Ankergeschirr blo­ckierte. Daher sind Modelle, bei denen der Motor kontrolliert in beide Richtungen drehen kann, vorzuziehen, auch wenn diese etwas teurer sind.
Man kann die nicht ganz billige Mechanik generell etwas schonen, indem man dem Gerät eine gewisse „Empathie“ entgegenbringt und es nicht gewaltsam überlastet. So darf die Ankerwinde nicht dazu dienen, das Boot beim „Anker-auf-Manöver“ zum Anker zu ziehen. Dafür hat man einen Antriebsmotor, der während des Manövers schon aufgrund der stabileren Stromversorgung mitlaufen sollte. Ansonsten besteht die Gefahr, dass aufgrund der hohen Ströme die Bordspannung „zusammenbricht“, was beispielsweise einen Unterspannungsschutz auslösen oder andere Störungen an den Systemen verursachen könnte.
Auch zum Ausbrechen des eingegrabenen Ankers ist die Winde definitiv nicht gedacht. Es ist sinnvoller, die Kette zunächst kurzstak zu nehmen und die Winde durch eine Pallklinke zu entlasten. Dann kann der Anker mit wenig Kraft ausgebrochen werden, indem man mit der Maschine etwas zurücksetzt. Das ist auch materialschonender als das brachiale Überfahren des Ankers, wie es in manchen Lehrbüchern empfohlen wird und nicht selten ein verbogener Schaft die Folge davon ist.
Manchmal hilft es schon, mit gespannter Kette kurze Zeit über dem Anker zu warten, bis sich dieser von allein durch die Wellenbewegungen löst. Ist der Anker ausgebrochen, wird die Winde nur noch mit dem Gewicht des frei hängenden Ankergeschirrs belastet.
Am Bodensee kommt allerdings das Seegras dazu. Im Spätsommer ist das Kraut auf dem Seeboden manchmal einen halben Meter hoch oder noch höher. Ein Anker, der korrekt eingegraben wurde, schleppt deswegen unter Umständen einen riesigen Krautballen mit nach oben, der durchaus in der Lage sein kann, die Sicherung der Ankerwinsch auszulösen. Eine schwach dimensionierte Winsch kann damit durchaus mal überfordert sein.

Schot- und Fallwinschen
Im Prinzip gilt für Schot- und Fallwinschen dasselbe wie für Ankerwinschen auch. Es gibt diese Winden mit horizontal an einem Winkelgetriebe angeflanschten Motoren oder mit senkrecht angeordneten Motoren. Auch Ausführungen mit integrierten Scheibenläufern im Winschsockel oder Motoren direkt in der Trommel sind am Markt. Solche Technik hat gegenüber den angeflanschten Ausführungen Vorteile beim Wirkungsgrad und der Montage.
Konventionelle Winschen mit angeflanschtem Antrieb brauchen keine Bremse, weil sie dasselbe Getriebe wie die manuelle Ausführung besitzen und sich „von Haus aus“ nur in eine Richtung drehen. Es gibt auch Winschen, die in beide Richtungen laufen und die Schot kontrolliert fieren können. Diese besitzen allerdings ein recht komplexes „Innenleben“.
Motoren von Elektrowinschen können normalerweise in zwei Richtungen betrieben werden, wodurch die verschiedenen Getriebestufen von Mehrgangwinschen auch im Elektrobetrieb genutzt werden. Manche Hersteller bieten auch Motoren an, deren Drehzahl stufenlos gesteuert werden kann, was zwar den Komfort erhöht, aber bei den großen Strömen aufwändige Regelelektronik bedingt.
Bei manchen Modellen wird beim Einstecken einer Winschkurbel der Motor mechanisch abgekoppelt, so dass die diffizile Feinarbeit in einem kurz untersetzten Getriebegang manuell exakter erledigt werden kann.
Die Ausgangsgröße für die Dimensionierung einer Elektrowinsch ist, wie bei
einer manuellen Winsch auch, die zu erwartende Schotlast, die in jedem Fall unterhalb der Arbeitslast liegen muss.

Elektrische Winschkurbel
Vielleicht nicht ganz so komfortabel wie Elektrowinschen, dafür aber universeller einsetzbar sind elektrisch betriebene Winschkurbeln. Diese beinhalten einen Motor mit Getriebe, dessen sternförmige Achse statt der Winschkurbel in die Winsch gesteckt wird. Per Knopfdruck wird die Winsch betätigt und die angetriebene Kurbel muss nur festgehalten werden. Die Stromversorgung erfolgt entweder per Kabel aus der Bordbatterie oder aus einem eingebauten Akku.
Von Vorteil ist, dass diese Kurbel auf jede vorhandene manuelle Winsch aufgesetzt werden kann und sich daher sowohl für Fallwinschen als auch für Schotwinschen eignet. Auch für Fallwinschen am Mast lässt sich das Gerät einsetzen, wenn das Kabel lang genug oder dort eine weitere Steckdose vorhanden ist.

Was kostet die Sache?
Eine elektrische Ankerwinsch ist ab etwa 600 Euro zu haben. Winschen in dieser Preislage sind aber nur für kleine Boote geeignet, bei denen der Anker auch problemlos und meistens schneller von Hand eingeholt werden könnte. Die Sache beginnt bei einem Boot ab etwa zehn Metern Länge, einem Anker mit einem Gewicht über zehn Kilogramm und einer Kette ab acht Millimetern interessant zu werden. Je nach Gewicht und Ausführung des Ankergeschirrs ist dafür eine Leis­tung ab etwa 700 Watt erforderlich, mit Kosten ab 800 bis 1000 Euro. Dazu kommen die Montagekosten und eventuell ein zum Anker passender Bugbeschlag. Das Ankergeschirr sollte „aus einem Guss“ sein und sowohl zum Boot wie auch zum Revier passen.
Elektrische Schotwinden sind erheblich teurer. Sie kos­ten ab etwa 2300 Euro. Diese kleinen Elektrowinschen haben eine Leistung von zirka 700 Watt  und sind von ihrer Kraft her als Genuawinsch für Boote bis etwa zehn Meter geeignet oder als Fallwinsch für Boote bis etwa zwölf Meter. Viele manuelle Winschenmodelle sind optional auch mit Motor erhältlich oder können damit nachgerüstet werden. Daneben sind auch Anbieter am Markt, die Umbausätze für ältere Modelle oder für Winschen anbieten, die ab Werk gar nicht motorisiert lieferbar sind. Die Preise sind dabei individuell sehr verschieden. Jeweils dazu kommen die Kosten für die Montage und den elektrischen Anschluss.
Eine elektrische Winschkurbel kostet ab etwa 2000 Euro. Dazu kommen, bei kabelgebundenen Ausführungen, Montagekosten für die Steckdose und deren Anschluss.

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