Gegen Wetter, Wind und Sonne

BiminiBavaria

Radolfzell, 30.07.2011 von Michael Häßler

Ob die Sonne heutzutage tatsächlich „aggressiver“ ist, wie von besorgten Zeitgenossen behauptet wird, oder ob das Thema eher auf den Absatz von Sonnenschutzcremes zielt, sei dahin gestellt. Jedenfalls ist es nicht angenehm, im Hochsommer in der prallen Mittagshitze zu schmoren.

Abhilfe ist möglich und es gibt mehrere zuverlässige Wege zur Abschattung der Besatzung. Helle, weite Kleidung und ein Strohhut mit breiter Krempe ist dabei eine der Möglichkeiten. Am anderen Ende des Spektrums steht ein festes Verdeck über der Plicht, wie man es von Charterbooten als „Biminitop“ kennt, aber vor allem auf traditionellen Segelbooten mit langem und tiefem Großbaum nicht machbar ist. Außerdem stört es, wie ein Sonnenschirm auch, das ästhetische Empfinden manches Bootseigners.
Ein kreativer Bootssattler kann zwar auch nicht zaubern, kennt aber Lösungen, mit der viele Ansprüche unter einen Hut zu bekommen sind. Er befasst sich tagtäglich mit solchen Fragen. Es ist deshalb immer sinnvoll, sich vom Fachmann unverbindlich beraten zu lassen, vor allem wenn man noch nicht ganz genau weiss, wie man das Thema lösen möchte.
Sonnensegel
Ein Sonnensegel, das am Ankerplatz oder im Hafen Schatten wirft, ist bei fast jedem Boot sinnvoll. Im einfachsten und billigsten Fall dient dafür eine PVC-Plane aus dem Baumarkt, die man mit ein paar wenigen Maßnahmen auf das Boot anpasst und über den Großbaum zieht. Das Loch für die Dirk kann man mit selbstklebendem Nummerntuch verstärken, wie man es beim Segelmacher seines Vertrauens erhält. Diese Plane kann auch als leichtes Cockpitzelt bei Regenwetter dienen, wenn man seinen Urlaub auf dem Boot verbringt und die sperrige Persenning nicht mitschleppen möchte.
Die professionellere und haltbarere Variante ist ein Sonnensegel, das es relativ preisgünstig und in verschiedenen Einheitsgrößen beim Zubehörhändler von der Stange gibt. Oft ist hier ein doppelt wirkender Reißverschluß eingearbeitet, mit dem man die Position des Dirkfalls anpassen kann. Oft lohnt es sich, alternativ ein maßgeschneidertes Angebot vom Bootssattler einzuholen, das nicht zwangsläufig teurer sein muss, dafür aber auch ohne umständliche Bastelei auf’s Boot passt.
Wichtig dabei ist, dass das Sonnensegel breit genug ist, so dass es die Hitze auch dann abschirmt, wenn die Sonne etwas tiefer steht. Dafür sollte es vom einen zum anderen Süllrand oder von der einen zur anderen Fußreling über den?Baum gespannt werden können. Mit einem zu schmalen Sonnensegel kann man nicht die gesamte Plicht abschatten, vor allem auch deshalb, weil das Boot am Ankerplatz permanent schwoit und man einen zu kleinen Schattenspender ständig neu ausrichten müsste.
Es hat sich bewährt, das Sonnensegel statt in Zeltform als „Mansardendach“ aufzuspannen. Das schafft viel Platz darunter, denn eine Plane, die nur wie ein Satteldach über den Großbaum gespannt wird, hängt an beiden Seiten zwängsläufig etwas nach unten durch.
Der Autor hängt das Sonnensegel nicht nur über den Großbaum, sondern zusätzlich auf zwei Leinen, die beidseitig  zwischen Wanten und Backstagen gespannt werden. Das bringt deutlich mehr Komfort und verhindert einen Hitzestau.
Solche Lösungen müssen aber immer individuell ans Boot angepasst werden und man ist auf etwas Phantasie angewiesen. Beispielsweise gibt es zusammensteckbare Glasfaserrohre wie sie auch für Igluzelte verwendet werden. Diese können am Sonnensegel befestigt werden, wodurch ein Gewölbe entsteht. Auch mit Segellatten kann man Einiges machen und der erfahrene Fachmann hat mit Sicherheit noch den einen oder anderen Tip beizusteuern. Er fertigt auch ein Gestänge an, das insbesondere bei Booten ohne Rigg gebraucht wird.
Bimini „von der Stange“
Insbesondere für kleine, offene Motorboote bietet sich ein Klappverdeck an, wie es preisgünstig im Zubehörhandel zu bekommen ist und mit seinen Zapfen am Gestänge in die Bohrungen für die Ruderdollen passt. Nach hinten und nach vorne wird es mit Spanngurten befestigt.
Eine solche Lösung kann sich aber nur dann tatsächlich lohnen, wenn keine zusätzlichen Beschläge am Boot angebracht werden müssen. Die Qualität und die Haltbarkeit der Kunststoffgelenke ist oft nicht besonders hoch, so dass mit einer eher kurzen Nutzungsdauer zu rechnen ist. Wenn nach ein paar Jahren das identische Verdeck nicht mehr lieferbar ist, hat man überflüssige Beschläge oder Bohrungen am Boot, die mit mehr oder weniger viel Aufwand verschlossen werden müssen.
Individuelles Klappverdeck
Deutlich hochwertiger und haltbarer, aber möglicherweise auch etwas teurer sind vom Bootssattler individuell angefertigte Verdecke. Dieser verwendet für das Gestänge hochwertige Standard-Komponenten, die einerseits lange halten und andererseits auch nach Jahren noch problemlos ausgetauscht werden können. Wenn man schon den Auftrag für eine Maßanfertigung erteilt, sollte man nicht an den Gelenken oder anderen Einzelkomponenten sparen.
Bei größeren Motorbooten werden Verdecke oft in den Geräteträger integriert und nach achtern und vorne abgeklappt. Bei Segelbooten können sie an die Sprayhood angeschlossen werden. Für diese, im Norden als „Kuchenbude“ bekannten, komfortablen Cockpitzelte gibt es viele verschiedene Varianten von „Einfach“ bis „Luxuriös“. Sie sind oft mit Klarsichtfolien ausgestattet, die den Blick über das Hafengeschehen frei geben und damit aber nicht unbedingt als Sonnenschutz zu empfehlen. Darunter kann es ziemlich heiss werden.
So ein Plichtzelt erweitert den Lebensraum auf dem Boot vor allem bei schlechtem Wetter. Besonders bei kleinen Booten ist das ein wichtiger Aspekt und gerade bei offenen Motorbooten ist der Platz in der Plicht als „normaler Lebensraum“ ausgelegt. In der Schlupfkabine befindet sich oftmals nur eine Koje und eventuell die Toilette.
Ohne ein sinnvoll gestaltetes Verdeck lässt sich das Boot dann nur für Tagesausflüge bei schönem Wetter nutzen. Besonders bei kleinen Booten ist der Anspruch an den Bootssattler relativ hoch, weil das Verdeck einerseits ausreichend Stehhöhe bieten soll und andererseits die Optik des Bootes nicht allzu nachteilig verändern darf.
Eine sinnvolle Variante ist ein relativ hoch angebrachtes klappbares Bimini-Verdeck, das mit Achter-und Seitenteilen zur geschlossenen Plichtpersenning erweitert werden kann. Mit steigender Bootsgröße fällt dieses „Bauwerk“ immer weniger negativ „ins Auge“.
Größere Investition
Umfangreiche Bootsverdecke sind Einzelanfertigungen und erfordern deswegen eine größere Investition, die viele Jahre halten sollte. Wer hier an der Qualität der Materialien spart, spart eindeutig am falschen Ende. Der Hauptteil der Kosten entsteht durch den Arbeitsaufwand, weshalb die Materialkosten bei den Gesamtkosten nicht sonderlich ins Gewicht fallen. Allenfalls verringert sich die Nutzungsdauer. Auch kann ein Verdeck, dessen Grundmaterial nach Jahren in der Sonne und im Regen noch intakt ist, nachgenäht werden, falls die Nähte brüchig geworden sein sollten. Bei einem versprödeten Gewebe geht das nicht. Die „Haut“ des Verdecks muss dann neu angefertigt werden.
Beschläge
Auch beim Gestänge und den Verschlüssen lohnt sich der Preis für hochwertiges Material. Hier können hohe Lasten auftreten und wenn im Gewitterschauer die Druckknöpfe aufgehen, nützt das beste Verdeck nichts.
Nach wie vor eine gute und vor allem robuste Lösung sind die althergebrachten Tenax-Knöpfe. Sie halten sehr zuverlässig auch bei hoher Last und können mit Bordmitteln einfach ausgetauscht werden, falls sie mal beschädigt sein sollten.
Gerade bei schnellen Motorbooten ist die Flächenlast durch die Auftriebskräfte am Verdeck nicht zu unterschätzen. Diese Flächenlast konzentriert sich an den Knöpfen und an anderen Befestigungselementen, weswegen das Grundmaterial dort mit mehreren Lagen großflächig verstärkt werden muss.
Beschläge sind hohen Wechsellasten ausgesetzt. Oft werden diese mit selbstschneidenden Schrauben im Laminat verankert. Es lohnt sich, diese mit etwas angedicktem Epoxidharz einzusetzen. Auch für die nachträgliche Befestigung losgerüttelter Schrauben eignet sich diese Methode. „Fünf-Minuten-Epoxi“ ist dafür gut geeignet.
Textile Werkstoffe sind in Kett-und in Schußrichtung belastbar. Davon abweichende Belastungen sollten vermieden werden. Deshalb ist es nicht egal, in welche Richtung der Stoff läuft.
Bei Diagonallasten dürfen die Kräfte nur so groß sein, dass sich die Fäden im Gewebe nicht gegeneinander verschieben. Damit wäre die exakte Paßform der „Haut“ auf dem Gestänge zerstört. Ein gutes Verdeck zeichnet sich also auch durch großflächige Verstärkungen aus, die exakt platziert und vom Gewebeverlauf her nach der Lastsituation ausgerichtet sind. Dazu braucht der Sattler eine genaue Vorstellung über die Höhe und die Richtung der später auftretenden Kräfte. Das hat vor allem etwas mit Erfahrung zu tun, denn ein Handwerker lernt aus jedem hergestellten Gegenstand, wie er den Nächsten noch etwas besser gestalten kann.
Handhabung
Robustheit hat aber auch ihre Grenzen. Vor allem dort, wo eine Persenning oder ein Verdeck auf - und abgebaut oder auf engem Raum verstaut werden muss. Der Sattler muss sich also auch über einfache Handhabung Gedanken machen und sich in die Situation des Skippers versetzen. An einer Persenning, bei der man beim Abdecken des Bootes im „eigenen Saft schmort“ hat man keine Freude. Ein Verdeck muss einfach und schnell zu handhaben sein, nur dann kann es seinen ihm zugedachten Zweck erfüllen.

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