WYC-Jugend im Corona-Modus aktiv

470-er

Friedrichshafen, 04.05.2020 von IBN

Fluchtartiger Abbruch, eine Umkehr auf der Autobahn oder Stornierung eines Trainingslagers Stunden vor dem Abflug - die Situationen, die die jungen Segler des WYC bei Ausbruch der Corona-Krise durchlebten, sind vielfältig.

Inzwischen sitzen sie ohne Boot zuhause in Friedrichshafen fest, einzelne segeln privat und alleine auf dem Bodensee, alle halten sich mit Ausdauer- und Krafttraining oder Stand-up-paddling fit - und unsere Olympia-Aspiranten können schon wieder auf der Ostsee stundenweise trainieren.

Alleine auf dem See - oder 70 Kilometer radeln 

Schon Mitte Februar spürte Finn Meichle (13) die Auswirkungen von Corona. Er war in den Faschingsferien gerade mit der Optimisten-Trainingsgruppe des Landesverbands auf dem Weg ins Trainingslager nach Imperia (Italien, nahe Genua), als der ganze Tross auf Höhe Mailand an einer Raststätte kehrt machte. Kurzerhand wurde das Trainingslager nach Überlingen verlegt. „Da war es in Deutschland noch nicht so schlimm“, blickt Finn Meichle zurück. Doch wenige Wochen später waren fast alle Regatten abgesagt oder verschoben. Am meisten ärgert ihn, dass die Ausscheidungsregatta für die EM und WM der Optimisten abgesagt wurde und die Plätze nach der Rangliste vergeben wurden. „Da fehlen mir so etwa zehn Boote. In der Ausscheidung hätte ich die Chance auf ein Ticket gehabt“, bedauert Finn. Derzeit hält er sich nach dem Plan des Trainers fit. Eine Dreiviertelstunde Workout für den vorderen Körper, am nächsten Tag für den Rücken. Jeden zweiten Tag steht Joggen über acht bis zehn Kilometer auf dem Plan, alternativ Rennrad fahren - „immer so 40 bis 70 Kilometer“. Ein paar Mal war er auch beim Segeln auf dem Bodensee. Mit dem leichten Optimisten kommt man am Strand recht einfach ins Wasser. „Ich denke, dass es nichts mehr geben wird vor den Sommerferien“, meint Finn Meichle.

Das WM-Ticket hat hingegen Leon Jost als Dritter der Opti-Rangliste erhalten. Doch derzeit ist auch die WM am Gardasee auf einen noch unbestimmten Termin verschoben. Für den 12-Jährigen wäre es die dritte WM-Teilnahme. Über eine Wiese kommt auch er mit dem Optimisten auf den Bodensee. „Alleine macht es aber wenig Spaß“, hat er schnell festgestellt.

Schon wieder auf der Ostsee 

„Ich bin in Kiel, ich war grad segeln“, berichtet dagegen Simon Diesch beim Anruf für Umfrage bei den WYC-Seglern. Der 25-Jährige gehört zum Perspektiv-Kader des Deutschen Segler-Verbandes. Mit einer Ausnahmegenehmigung können diejenigen, die Aussicht auf einen Olympia-Startplatz haben, seit Mitte April wieder stundenweise auf der Ostsee segeln. Mitte März hatte er mit  Vorschoter Philipp Autenrieth fluchtartig Mallorca verlassen, nachdem die Weltmeisterschaft der 470er dort zwei Tage vor dem Auftakt abgeblasen wurde. Die beiden hatten schnell alles eingepackt, auch die 470er-Jolle.

In Kiel ist derzeit noch alles streng geregelt: Zwei Stunden, zwei Boote - ohne Trainer. Keine direkten Kontakte zu anderen Seglern im Olympiastützpunkt in Schilksee. Der Trainer der 470er ist aus Polen – und müsste bei jedem Grenzübertritt 14 Tage in Quarantäne. Ab dem 4. Mai sollen die Beschränkungen in Schleswig-Holstein gelockert werden. „Wassertraining ohne Beschränkungen soll dann wieder möglich sein“, so Simon Diesch. Bis September muss er warten, ehe die erste Regatta auf dem aktualisierten Plan steht: Die Kieler Woche soll am 11. September beginnen. Für EM und WM werden neue Termine noch gesucht.

Ohne Boot zuhause 

Kalt erwischt hatte es auch Lukas Goyarzu (14). Der Achte bei der EM 2019 der Optimisten segelt seit dem Herbst im 29er. Die Boote der Trainingsgruppe waren seit Wochen in Barcelona. Stunden vor dem Abflug zum nächsten Trainingsblock wurde das Trainingslager Mitte März abgesagt, Lukas musste enttäuscht zuhause bleiben. Andererseits: „Ich bin zum Glück nicht früher abgeflogen, weil ich dann vielleicht in Barcelona stecken geblieben wäre“, so Lukas Goyarzu.

Auch für Lukas steht Athletik-Training auf dem Tagesprogramm. Selbst bei einer Lockerung am Bodensee sieht sich Lukas weiter trocken an Land stehen. Denn der 29er steht nach wie vor in Barcelona. „Hoffentlich können wir bald unser Boot abholen und dann hier irgendwo trainieren, denn ich habe sehr viel Lust zu segeln“, so Lukas. „Den Kontakt zur Gruppe und zum Trainer halten wir durch Videokonferenzen“, schildert er. Höhepunkt für die 29er hätte die Europameisterschaft in Dänemark werden sollen – doch die ist abgesagt. Auch für die 29er-Segler wird wohl die Kieler Woche im September die erste Regatta nach der Zwangspause werden.

Sarah Springer (mit Paula Becker, beide WYC, 2019 Vizeweltmeisterin U16 im 29er) gehört ebenfalls zu dieser 29er-Trainingsgruppe. „Ich hoffe, dass zumindest unser Trainer eine Sondergenehmigung bekommt und die Boote abholen kann“, sagt sie. Wie die anderen Segler absolviert Sarah zuhause jede Woche vier Fitnesseinheiten zu je zwei Stunden in der Wohnung, joggt, inlinert oder paddelt auch mal mit dem SUP am Seeufer entlang. Sehnsüchtig wartet sie auf ein Ende der Beschränkungen: „Mit Videos versuchen wir, uns theoretisch weiter zu entwicklen. ‚Best Case‘ wäre, wenn wir in den Pfingstferien wieder trainieren könnten, irgendwo.“

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