Auf der Jolle lernt man schneller

Pirat

Radolfzell, 04.02.2020 von Michael Häßler

Dass man auf einer Jolle besser und schneller segeln lernt als auf einem „Bleitransporter“, gehört zu den Weisheiten des Segelsports.

Das Bodensee-Schifferpatent allein macht aus einem seglerischen Laien noch niemand, der ein großes und schweres Boot sicher führen kann. Nach der Prüfung ist also zunächst praktisches Lernen angesagt und das geht mit einer leichten Jolle am besten.

Vorteile

Obendrein ist so ein Boot auf dem Gebrauchtbootmarkt preiswert zu finden. Man braucht dafür auch keinen der raren Liegeplätze. Eine Möglichkeit zum Slippen ist ausreichend, wenn man einen Trailer, am besten einen mit integriertem Slipwagen besitzt. Die Jolle ist schnell aufgeriggt und Regattacrews, die das fast jedes Wochenende machen, haben ihr Boot oft in weniger als fünfzehn Minuten einsatzbereit.

Auf der Jolle funktioniert alles etwas direkter als auf einem Kielboot und falls ein Manöver mal missglückt, ist das bei einem leichten, handlichen Boot besser zu handhaben als mit dem tonnenschweren Kielboot, das nicht mal eben von Hand gestoppt werden kann. Bei der Jolle springt der Vorschoter halt zur Not ins Wasser und hält das Vorstag fest. Dann dreht sich das Boot von selbst in den Wind.

Welches Boot eignet sich? 

Für Einsteiger eignet sich ein nicht zu sportliches Boot mit gutmütigen Segeleigenschaften, das nicht gleich umfällt. Der Klassiker schlechthin ist beispielsweise der Pirat, auf dem Generationen von Seglern ihre ersten Erfahrungen gesammelt haben. Wenn die Zeit als wettbewebsfähiges Regattaboot abgelaufen ist, kann es noch viele Jahre als „Lernboot“ genutzt werden. Es  sollte aber schon ein GFK-Boot mit Doppelboden und mit moderner Trimmeinrichtung sein.

Beim Wiederverkauf einer älteren, aber soliden Jolle wird man keinen großen finanziellen Verlust erleiden und bei guter Pflege lässt sich der selbe Preis oft wieder erzielen. Die laufenden Kosten sind überschaubar und einen Satz Segel kann man auch gebraucht erwerben.

Als Jugendjolle am Bodensee war früher der Vaurien weit verbreitet. Deutlich sportlicher und auch deutlich leichter als der Pirat, ist er auch nach heutigen Maßstäben noch ein gutes Einsteigerboot. Allerdings ist es mittlerweile schwierig, einen gut erhaltenen, älteren Vaurien zu finden. Die meisten Boote wurden aus Sperrholz gebaut und die GFKBoote waren, wegen ihrer für dieses Baumaterial wenig geeigneten Geometrie sehr schnell „weich gesegelt“.

Für absolute Einsteiger wenig zu empfehlen sind klassische Gleitjollen wie der Laser, 420er oder Korsar. Ein solches Boot wäre dann vielleicht der nächste Schritt, ein Anfänger ist damit aber schnell überfordert. Hochleistungsjollen wie 470er, FD oder gar eines der populären Skiffs, gehen noch weit über diese Kategorie hinaus. Das sind reine Sportgeräte.

Auch „Campingplatzjollen“ aus den Siebziger- oder Achtzigerjahren mit ihrer teilweise primitiven Ausrüstung sind für den Einstieg nicht ideal, weil da oft wichtige Trimmeinrichtungen fehlen. Deswegen sind diese Boote bei mehr Wind oft kaum zu beherrschen. Die Kräfte können nicht wirksam kontrolliert werden.

Moderne Einsteigerboote Es gibt auch modernere Konstruktionen, die sich gut als Einsteigerboot eignen und deutlich leichter als beispielsweise der Pirat sind, dessen Konstruktion noch aus der Ära der massiven Holzboote stammt. Unter anderem hat beispielsweise der englische Jollenspezialist RS Sailing ein breit aufgestelltes Programm mit hervorragenden Schulungsbooten.

Auch die Überlegung, ob eher eine Einhand- oder eine Zweimannjolle in Frage kommt, muss beantwortet werden. Auf manchen Einhandjollen hat man auch zu zweit Platz, während eine Zweimannjolle von einer Person bei mehr Wind nur unbefriedigend segelbar ist.

Die Sicherheit

Jollen können kentern. Das ist eine Tatsache, aber kein Problem. Es gehört einfach dazu. Wichtig ist, dass das Boot ausreichend Auftrieb an der richtigen Stelle hat. Ein Doppelboden bewirkt, dass es im gekenterten Zustand nicht so hoch aufschwimmt wie ein Boot mit seitlichen Auftriebskörpern. Man kommt dadurch besser und weniger kräftezehrend zum Aufrichten aufs Schwert und das Boot kentert auch nicht so schnell durch. Auch bewirkt ein Doppelboden, dass nach einer Kenterung das Wasser schnell abläuft.

Neopren- oder Trockenanzug sind, außer bei Leichtwind und warmen Wassertemperaturen, Pflicht. Ebenso eine Jollenweste ohne Kragen. Eine klobige Rettungsweste schränkt dagegen die Beweglichkeit ein und man kann damit nicht tauchen, beispielsweise, um unter dem gekenterten Boot etwas zu klarieren.