Die richtige Einsteigerjolle

Jetzt geht's los: Einsteigerjollen

23.10.2010 von IBN

Das Bodensee-Schifferpatent ist bestanden. Die Aufregung vor der Prüfung ist dem Stolz über die neue Qualifikation gewichen. Für die nächste Saison soll ein Segelboot, eine Jolle, angeschafft werden. Nach dem Blick in den Kleinanzeigenteil diverser Wassersportzeitschriften steht fest, daß die Prüfung für das Schifferpatent der leichtere Teil der Übung war. Der Gebrauchtbootmarkt quillt über. Woher soll der Anfänger wissen, welcher Bootstyp für ihn geeignet ist? Sind die Preise gerechtfertigt oder herrscht hier der blanke Nepp? Fragen, die ein Neuling in der Szene unmöglich allein beantworten kann. Der Gang zum Makler verspricht hier keinen durchschlagenden Erfolg, da dessen Provision von der Verkaufssumme abhängt. Der Kunde, der eine neuwertige Luxusyacht kaufen möchte, wird vermutlich intensiver beraten als der Einsteiger, dessen Budget von vornherein begrenzt ist.
Vorsicht vor Booten mit Liegeplatz
Vor dem Bootskauf stellt sich die Frage nach dem Liegeplatz. Landliegeplätze für eine Jolle sind eher zu haben, als ein Wasserliegeplatz. Vor der teilweise praktizierten Lösung der Schein-Eignergemeinschaft sei an dieser Stelle gewarnt. Liegeplätze, die von Clubs oder von der Gemeinde verwaltet werden, können nicht mit dem Boot verkauft werden. Auch wenn der Verkäufer dies noch so vehement behauptet. Wenn der Schwindel auffliegt, ist das Ganze nicht nur äußerst peinlich, sondern kann auch richtig teuer werden. Der neue Bootsbesitzer hat dann ein quasi wertloses und meist viel zu teuer bezahltes Boot. Die Undurchsichtigkeit mancher Liegeplatzspekulanten kennt hier kaum Grenzen. Also wird sich der Segelneuling vielleicht nach etwas „Trailerbarem" umsehen. In vielen Clubs am See dürfte es kein allzu großes Problem sein, Mitglied zu werden und eine Jolle zu slippen.

Warum eine Jolle?
Als altbekannte Tatsache gilt, daß das Segeln auf einer Jolle besser erlernt werden kann, als auf einem behäbigen „Bleitransporter". So ein Leichtgewicht reagiert viel direkter und unmittelbarer auf Ruderbewegungen, Gewichts-und Riggtrimm. Der Neuling wird viel schneller und intensiver für das Verhalten seines Sportgeräts sensibilisiert. Nicht umsonst sitzen auf den internationalen Dickschiffregatten fast ausschließlich Crews mit jahrzehntelanger Jollenerfahrung.

Moderne Hochleistungs-Rennmaschinen, wie die neuen Skiffs, oder ältere wie FD, Contender oder 505-er sind sicher keine Anfängerboote. Die, seit den siebziger Jahren oft gebauten, und in der Rukbrik „Familienjollen" angebotenen Boote müssen manchmal ebenfalls skeptisch betrachtet werden. Diese Fahrzeuge sollen ein großes Spektrum an Anforderungen abdecken und für viele Personen Platz bieten. Der Einsteiger soll nicht mit zuviel Technik abgeschreckt werden, weshalb wichtige Trimmeinrichtungen oft weggelassen werden. Da der Spass obendrein möglichst wenig kosten darf, ist Skepsis angebracht. In der Praxis funktionieren viele dieser Boote nur bei schönerem Wetter und weniger Wind. Und es gibt einige unter den „Familienjollen, die sich wegen zum Teil gravierender konstruktiver und statischer Unzulänglichkeiten, sowie spärlicher Trimmeinrichtungen bei mehr Wind kaum noch beherrschen lassen. Dann, wenn Jollensegeln richtig interessant wird, sind diese Boote an ihrer Leistungsggrenze angelangt, so daß das Vergnügen nicht ganz ungefährlich wird.

Was zeichnet eine gute Jolle aus?
Über die Tiefe des Segelprofils wird das Energiepotenzial, das auf ein Boot einwirkt, geregelt. Bei moderatem Wind wird man ein möglichst tiefes, energiereiches Profil einstellen, während bei höheren Windgeschwindigkeiten das Rigg „abgepowert" wird, um die Krängung des Bootes im Griff zu haben. Wenn eine Jolle bei mehr Wind sicher beherrscht werden soll, braucht der Segler ein Minimum an Trimmöglichkeiten. Diese sind, bei einigen oben erwähnten Familienjollen, nicht immer vorhanden. Grundvorraussetzung, daß ein Boot sicher und kontrolliert beherrscht werden kann, ist eine vernünftige Abstagung des Mastes. Ein Mast muß, physikalisch gesehen, einen eingespannten Träger darstellen. Das heißt, daß er ohne seitliches Spiel durch einen Schlitz im Deck laufen muß. Steht der Mast auf dem Deck, oder frei auf dem Kielschwein, muß er durch Unterwanten in Großbaumhöhe gehalten werden. Alles Andere funktioniert bei Wind nicht. Auch dann nicht, wenn dies von vielen Herstellern so verkauft wird. So ein Mast wird den Kräften, die auf ihn einwirken, ausweichen und sich nach allen Seiten biegen. Ein völlig unkontrollierbares Segelprofil ist die Folge, ein Eiertanz auf den Wellen so gut wie sicher.

Die wichtigste Trimmeinrichtung bei einer Jolle ist eine wirksame Vorrichtung, um das Fockfall zu spannen. Ein Vorliek das bei Wind durchhängt, bewirkt eine bauchige Fock. Ein so eingestelltes Segel entwickelt viel Energie und somit Krängung. Reicht das Gewicht der Crew nicht mehr aus, um das Boot aufrecht zu halten, muß Kraft aus dem Segel genommen werden. Das Profil wird, durch höhere Spannung auf dem Vorliek, flacher eingestellt. Das Pendant zum Fockfall, in der Wirkung auf das Großsegel, ist die Längsbiegung des Mastes. Diese wird durch den Baumniederholer und durch den Zug des Großsegels am Masttopp erreicht. Gerade bei Booten ohne Travellerschiene ist der gezielte Einsatz des Baumniederholers eine Notwendigkeit. Gleichzeitig sollte auch das Vorliek gespannt werden, wodurch der tiefste Punkt des Großsegelprofils nach vorne wandert und ebenfalls der Krängung entgegen wirkt. Eine andere Funktion des Baumniederholers ist, wie der Name schon sagt, den Baum nieder zu halten. Auf dem Vorwindkurs bei Wind wird ein Boot mit steigendem Großbaum kaum zu halten sein.

Ausgemusterte Regattajollen?
Als Indiz für ein gut konstruiertes und gebautes Boot kann die Regattatätigkeit in einer Klasse gewertet werden. Bei einer Jollenklasse, die unter Wettbewerbsbedingungen gesegelt wird, gibt es kein unbrauchbares Material. Wenn es sich dann noch zusätzlich um eine Klasse handelt, deren Boote von mehreren Herstellern produziert werden, findet auch ein Wettbewerb der Werften statt. Gut gebaute Regattaboote halten lange, sind aber aufgrund von neuen Materialentwicklungen nicht ewig konkurenzfähig. Ein Regattasegler wird also nach ein paar Jahren ein neues, schnelleres Boot benötigen. An diesem Punkt lohnt es sich für einen Einsteiger, zu kaufen. Er wird ein Boot mit kompromisslos optimierter Technik erwerben, das seine Ansprüche noch lange und zuverlässig erfüllen wird. Know-How zum Umgang mit dem Gerät gibt es meist Gratis dazu. Segel, die irgendwann einfach verschlissen sind, können günstig über die Occassionsbörse der Klassenvereinigung erworben werden. Hier gilt das gleiche, wie für die Rümpfe. Wenn das Material nicht mehr für Spitzenplätze in der Regatta taugt, kann es der Freizeitsegler meist noch Jahre nutzen. Welche Regatta-Jollen sind also für Einsteiger interessant? Einheitsklassen, deren Konstruktion noch aus der Holzboot-Ära stammt, sind meist robust und langlebig. Massivholz- Bauweise ist eine relativ gewichtige Art, ein Boot zu bauen. Mit Einführung der GFK-Rümpfe, war dieses hohe Gewicht nicht mehr notwendig. Um die Siegchancen der älteren Boote zu erhalten, wurde ein Mindestgewicht festgeschrieben. Die Kunststoffboote dieser Klassen sind daher schwerer, als sie eigentlich sein müssten, aber auch entsprechend stabil gebaut und haltbar.

Einhandjollen
Wie der Name schon sagt, sind Einhandjollen für einen Segler ausgelegt, auch wenn dieser zwei Hände hat. Auf so einem Boot ist in der Regel wenig Platz für zwei Personen. Gerade bei Wind wird sich eine mehrköpfige Besatzung gegenseitig behindern. „Mein Ruder ist zu klein, und mein Schwert das ist zum stecken, und bei jeder blöden Halse hängt die Schot an den Ecken." Mit diesem Refrain besingt der Hamburger Segelmacher und Musiker, Frank Schönfeldt seinen Laser, und beschreibt damit treffend die wunden Punkte einer der weltweit erfolgreichsten Bootsklasse. Die starke Verbreitung liegt an der primitiven, aber exakt einheitlich festgelegten Ausstattung. Nicht das Material entscheidet über Sieg oder Platz, sondern nur das Können des Seglers. Zumindest in der Theorie ist das so. Ursprünglich als einfaches aber sportliches und vor allem billiges Bade-und Spaßboot konzipiert, entwickelte sich der Laser explosionsartig. Massenregatten mit weit über hundert Booten sind Alltag. Das Boot läßt sich auf dem Autodach zum Revier transportieren. So war es auch nicht weiter verwunderlich, daß der Laser zur olympischen Klasse aufstieg. Der Verkaufspreis stieg allerdings mit. Ältere Gebrauchtboote sind ab etwa 1500 Mark zu haben.
Zur selben Zeit, wie der Laser auf den Markt kam, zogen andere Hersteller mit ähnlichen Konstruktionen nach. In der Schweiz war die Mono recht verbreitet. Dieses Boot war deutlich besser durchkonstruiert und konnte Frank Schönfeldt deshalb nicht als Textvorlage dienen. Eine größere Verbreitung blieb ihm aber versagt. Die zweite olympische Einhandjolle, das Finn-Dinghy, ist gerade bei älteren Baujahren, recht robust gefertigt. Ein solches Boot kann noch Jahre nach der aktiven Regattazeit als zuverlässige Freizeitjolle genutzt werden. Das relativ hohe Gewicht verhindert jedoch einen Autodachtransport und macht einen Anhänger nötig. Der olympische Vorgänger des Finns war die O-Jolle. Hier sind ebenfalls robuste GFK- oder formverleimte Boote auf dem Markt. Die Vertreter der heißeren Fraktion, wie zum Beispiel die Trapezjolle Contender oder die Konstruktionsklasse Moth sind keine Einsteigerboote. Unter dem Hintern eines Segelneulings werden solche Geräte zwangsläufig zu „Badebooten", auch wenn das gar nicht beabsichtigt war.

Zweimannjollen
Viele Zweimannjollen lassen sich, wenn das Wetter einigermaßen moderat ist, auch ohne wesentliche Einschränkungen von einer Person segeln. Trapezboote sind auf den Einsatz des Trapezes ausgelegt, und kommen daher eher weniger für diesen Zweck in Frage. Seit Jahrzehnten sind beispielsweise der Pirat und der Vaurien die typischen Einsteigerboote. Gerade der Pirat ist, durch sein relativ hohes Mindestgewicht, sehr stabil gebaut. Diese gutmütige, aber modern entwickelte Jolle, hat den Ruf einer lahmen Ente. Das liegt haupsächlich daran, daß die Piraten, die in den fünfziger und sechziger Jahren am Bodensee sehr zahlreich vorhanden waren, ausnahmslos schwere Massivholzbauten waren, teilweise sogar aus Eiche gefertigt. Diese trägen und schwerfälligen Boote haben in der Praxis kaum mehr etwas mit den modernen und am Gewichtslimit gebauten GFK-Ausführungen gemeinsam. Ein gebrauchter, aber noch brauchbarer Pirat mit Trailer ist ab etwa 5000 Mark zu haben. In diesen Regionen bleibt der Wiederverkaufspreis übrigens recht stabil.

Der Vaurien hat in den siebziger Jahren den Pirat als Jugend- und Einsteigerklasse am Bodensee abgelöst. Er ist leichter, kleiner und lebendiger, allerdings auch wesentlich kippliger. Aufgrund des niedrigeren Gewichts, der nicht immer pfleglichen Behandlung auf Regatten und der rationell orientierten Serienfertigung sind diese Sperrholzboote nicht so langlebig gebaut. Es sind allerdings noch etliche alte Boote vorhanden, die mit ein paar Dosen Lack wieder zu aktivieren sind. Die in der Vaurienszene als Joghurtbecher bezeichneten GFK-Bauten konnten sich nie so recht durchsetzen. Der flache Boden wurde schnell weich, so daß das Verfallsdatum recht bald erreicht war. Ein alter Maurus-Vaurien aus Sperrholz sollte ab etwa 1000 Mark erhältlich sein. Allerdings empfiehlt es sich hier, jemanden aufzutreiben, der sich in dieser Bootsklasse auskennt, um die typischen Schwachstellen zu überprüfen. Da fast alle Regattasegler am See in dieser Klasse ihre Erfahrungen, auch als Schleifer, Schrauber und Lackierer, gesammelt haben, sollte dies nicht allzu schwierig werden.

Große Jollen, wie beispielsweise der Zugvogel, oder die in der Schweiz beliebte Dreimannjolle Lightning, sind stabile und gut segelnde Regatta-und Tourenboote, auf denen man auch mal übernachten kann. Allerdings können diese, aufgrund des relativ hohen Gewichts, nicht überall von zwei Personen geslippt werden. Ein Trailer mit Winde leistet jedoch gute Dienste. Die derzeit aktuellen Trapezjollen, wie der 420-er oder der olympische 470-er sind für Einsteiger nur geeignet, wenn der sportliche Aspekt im Vordergrund steht. Meist sind diese leichten Renner nach einigen Jahren Regattaeinsatz ziemlich ramponiert, da beim Bau das Hauptaugenmerk auf Leistungsoptimierung und nicht auf Langlebigkeit lag. Soll so ein Boot noch längere Zeit genutzt werden, muß der Eigner Kenntnisse der GfK-Technologie, oder viel Geld mitbringen.

Wo sind brauchbare Boote zu finden?
Wie komme man jetzt als Anfänger ohne Connections an so ein Boot? Am besten über die Klassenvereinigungen. Dies sind die klasseninternen Organisationen, die meist eine Gebrauchtbooliste pflegen. Adressen sind im Bodensee Jahrbuch abgedruckt. Unter der Webadresse dsv.org stellen sich die einzelnen Klassen im Internet vor. Generell gilt, wer ein Klasenboot kauft, bekommt meist einen reellen Gegenwert für sein Geld. Er kann die Angebote der Klassenvereinigung vergleichen, und schützt sich somit vor überzogenen Preisen. Ein realistischer Wertverlust läßt sich ebenfalls anhand der Gebrauchtbootlisten ermitteln. Es muß allerdings einkalkuliert werden, daß man das Boot an anderen Revieren suchen muss, da dort eine wesentlich aktivere Jollenszene existiert als am „Dickschifflastigen" Bodensee.

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