Langstreckensegeln bei Nacht

23.10.2010 von IBN

Langstreckenregatten wie die Rund um, bei denen auch nachts gesegelt wird, haben ihren ganz eigenen Reiz. Revierkenntnis und Bootsgeschwindigkeit bekommen eine größere Gewichtung als bei Tageswettfahrten. Auch sollte eine auf das Boot eingespielte Crew an Bord sein. Denn so sind beispielsweise die Beschriftungen auf den Hebelklemmen nur unter Zuhilfenahme einer Taschenlampe zu erkennen; das kostet Zeit und verursacht unter Umständen ein Durcheinander, wenn bootsfremde Mitsegler in das Geschehen im Dunkeln eingreifen müssen.

Neben der üblichen Tagesregattenausrüstung lohnt es sich, einige wenige Extras zusätzlich mitzunehmen. Vor allem: Mindestens zwei Taschenlampen (mit Reservebatterien) zum Anleuchten der Windfäden in den Segeln, insbesondere der im Vorsegel. Die Helligkeit darf jedoch nicht zu heftig sein, um den Rudergänger nicht zu blenden.

Sollte der Kompass keine Beleuchtung haben, hilft ein einfacher „Cyalume"-Leuchtstab aus dem Anglerladen. Biegt man diesen, dann wird eine bis zu 12 Stunden andauernde Leuchtwirkung erzielt. Mit Tesaband („Tape") am Kompass festgeklebt, lassen sich Kurs und auch Windschraler stets sicher erkennen. Als Nachtrettungsmittel empfiehlt es sich, eine Blitz- oder Leuchtboje in Cockpitnähe zu lagern, um hiermit bei Bedarf die Stelle eines über Bord Gegangenen markieren zu können. Und wann haben Sie mit Ihrer Crew ein Mann-über-Bord-Manöver das letzte Mal geübt? Spätestens vor einer Nachtregatta wird es wieder einmal Zeit. Weiß jedes Crewmitglied, wo die Notflagge oder das Signalhorn versteckt ist?

Bei einer Langstreckenregatta ist die Wahrscheinlichkeit einer Wetteränderung recht groß. Deshalb ist es vor dem Start besonders wichtig, sich mit dem aktuellen Wetterbericht zu versorgen und sich einen genauen Überlick über die Großwetterlage zu verschaffen, um beurteilen zu können, ob z. B. Gewitterfronten drohen oder die Gefahr eines Föhneinbruchs besteht. Während man bei Tag sieht, ob eine schwarze Wand aufzieht oder der Föhn hereinbricht, ist die notwendige Wetterbeobachtung bei Nacht viel schwieriger. Vorausschau mit einem guten Nachtglas hilft: Liegen die führenden flach, ist es schnellstens an der Zeit, zu reffen.

Neben den eigenen Beobachtungen kann ein Barometer gute erste Aufschlüsse über die Wetterentwicklung geben. Bei der Abfrage von Wetterinfos – aber auch in Notfällen – kann das Handy heute eine wichtige Hilfe sein. Ein in der Navigationsecke eingebautes Autoradio mit eingebautem CD- / Kassettenteil hat sich ebenfalls nicht nur zum Abhören von Wetterberichten bewährt. Denn ein paar Takte nächtlicher Musik unter Deck können durchaus positiv auf die Moral der (müden) Crew wirken. Das Boot sollte gut vorbereitet sein. Sämtliche Splinte und Ringe werden abgeklebt, dass nirgends Segel hängen bleiben können. Alle Segel werden vor dem Start im selben Schema sauber zusammengelegt, in klar beschrifteten Segelsäcken gestaut und bereitgelegt. Dann muss der Vorschiffsmann im Dunkeln nicht nach Schothorn oder Kopf suchen. Es gibt nichts Demotivierenderes für die Crew, als wenn sie in der Nacht kopfüber in einer tiefen Backskiste nach der Sturmfock suchen muss und es zeugt auch nicht von der Kompetenz des Skippers, wenn man sie statt dort später unter dem Vorschiffsdreieck findet.

Gerade nachts gilt besondere Umsicht und lieber einmal zuviel, als zuwenig gerefft. Wer nur Spi- und Vorfall hat, sollte keine Probleme haben. Hat ein Boot aber drei oder gar vier Fallen, dann muss auch nachts für den Vorschiffsmann klar erkennbar sein, an welchem Fall welches Segel nach oben geht. Bei häufigem Segelwechsel kann es schnell passieren, dass man die Fallen vertörnt und irgendwann nichts mehr läuft. Der Vorschiffsmann sollte sich daher noch bei Tageslicht ein klares Schema machen, wo er den Schäkel der einzelnen Fallen nach Gebrauch wieder festhakt. Aufräumen und Aufschießen der Leinen gehören zur Seemannschaft, besonders nachts. Denn wer die Leinen immer in Ordnung hat, vermeidet Kinken oder Wulings, die im Dunkeln zu besonderen Stresssituationen führen können. Ein Takelmesser für den Notfall sollte bereitliegen, um auch einmal eine Leine kappen zu können.

Das Wohlbefinden der Crew ist wichtig, denn nur dann ist diese motivierte Höchstleistung zu bringen. Hierzu gehört zunächst warme Bekleidung. In den frühen Morgenstunden kann der ohnehin durchgekühlten und müden Crew sonst schnell der Sieggedanke genommen werden. Sehr positiv beeinflussen können diese Gedanken auch ein paar Thermosflaschen mit Brühe, Kaffee, Tee oder Kakao. Alkohol törnt kurzfristig an, macht aber auf Dauer müde und es gibt kaum ein besseres Schlafmittel als ein paar Fläschchen Pils auf der Kante. Ein Lunchpaket bedeutet für viele das i-Tüpfelchen des Wohlbefindens. Dazu gehört auch etwas Obst und ein paar Getreideriegel. Auch wenn möglicherweise die Yacht aus Gründen der wohlgemeinten Gewichtsreduzierung weitgehend leergeräumt wurde, so helfen doch ein oder zwei Schlafsäcke für Entspannung unter oder auch an Deck. Nicht jeder Rudergänger kann über eine längere Zeit steuern und sich konzentrieren. Deshalb sollte mindestens ein Crewmitglied ihn ersetzen können. Und sei es auch nur auf den meistens etwas unkomplizierteren Raumschots- und Vorwindkursen.

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