Textile Technik

Verdeckaufmacher

Radolfzell, 23.06.2013 von Michael Häßler

Persenning, Sonnensegel, Sprayhood, Bimini, Camperverdeck, Kuchenbude, Baumpersenning, Fockpersenning, Sitz- und Kojenpolster . . ., der Bereich der Bootssattlerei ist groß und jeder Bootsbesitzer wird diesen spezialisierten Handwerker öfter mal besuchen, wenn er sich nicht alle paar Jahre ein komplett ausgestattetes Neuboot kauft. Von Michael Häßler

Entweder der Eigner verlässt sich hundertprozentig auf die Meinung des erfahrenen Handwerkers und erteilt seinen Auftrag nach der Devise „Mach mal“, oder er teilt dem Handwerker sein aus dem Internet gewonnenes Wissen mit und erklärt ihm detailliert, was er wie zu tun hat. Beide Extreme kommen vor und stellen selten für beide Seiten die optimale Lösung dar.
Dem Handwerker ist geholfen, wenn er weiß, worauf der Kunde Wert legt und was ihm nicht so wichtig ist. Dazu muss der Kunde aber wissen, zwischen welchen Möglichkeiten er wählen und was er erwarten kann. Wie die Ansprüche des Auftraggebers dann technisch konkret umzusetzen sind, weiß wiederum der Sattler am besten.
Meistens gibt es mehrere Wege zum Ziel, und zwei verschiedene Lösungsansätze von zwei verschiedenen Handwerkern müssen nicht zwangsläufig bedeuten, dass einer Recht hat und der andere falsch liegt. Zwischen „weiß“ und „schwarz“ gibt es noch weitere Schattierungen.
Dem Handwerker wie auch dem Kunden kommt es entgegen, wenn der Auftraggeber mit etwas Grundlagenwissen ausgestattet ist und der Sattler im Beratungsgespräch nicht bei „Adam und Eva“ anfangen muss.
Jede Konstruktion und jedes Material hat seine individuellen Stärken, aber auch seine Schwächen. Diese gilt es, bei der Suche nach der optimalen Lösung zu berück-sichtigen. Der erfahrene Sattler kennt diese spezifischen Eigenschaften und kann den Kunden kompetent beraten.
Das Gewebe
Ein Gewebe besteht in der Längsrichtung aus vielen parallel verlaufenden Kettfäden, die auf dem Webstuhl fixiert und mehr oder weniger stark gespannt werden. Diese Kettfäden werden vom Schussfaden abwechselnd oben und unten gekreuzt. Die Fäden verlaufen daher nicht gestreckt, sondern wechseln zwischen zwei Ebenen hin und her. Diese Richtungsabweichung der Garne nennt man „Crimp“, der einen großen Einfluss auf die Dehnung des Tuches hat. Sind die Kettfäden stärker gespannt als die Schussfäden, ist ihr Crimp geringer und somit auch die „konstruktive Dehnung“ des fertigen Tuches in Kettrichtung geringer als in Schussrichtung. Erst wenn die Fäden nahezu gestreckt sind, kommt die eigentliche Materialdehnung des Garns zum Tragen.
Ein Gewebe besitzt in Längs- oder in Querrichtung, also in der Richtung des Fadenverlaufs, den geringsten Reck. In diagonaler Richtung ist das Tuch dagegen sehr viel stärker dehnbar und kann auch relativ leicht irreparabel verzogen werden. Die Diagonalfestigkeit ist umso höher, je dichter und mit mehr Fadenspannung das Material gewoben wurde. Dicht gewobenes Material fühlt sich relativ steif an.
Weitere Unterscheidungsmerkmale betreffen die Art der Flechtung. Ist der Schussfaden abwechselnd um jeden Kettfaden gezogen, spricht man von „Leinwandbindung“. Das ist das „Standardmaterial“, das sich relativ steif anfühlt und eine hohe konstruktive Festigkeit besitzt. Tuche in Köper-, Satin- oder Atlasbindung, bei der der Schussfaden jeweils mehrere Kettfäden „überspringt“, fühlen sich weicher an. Solche Gewebe spielen im technischen Bereich aber nur bei wenigen Spezialanwendungen eine Rolle.
Die Ausrüstung
Wenn man von der Ausrüs-tung eines Gewebes spricht, meint man dessen Weiterbehandlung nach dem Weben. Dazu gehört die Färbung oder ein Druck, aber auch spezielle Imprägnierungen oder Beschichtungen, die dem Gewebe spezielle Merkmale wie Wasserdichtigkeit, erhöhte Diagonalfestigkeit, Pilzresistenz oder auch selbstverlöschende Eigenschaften verleihen können.
Bei der Ausrüstung der Stoffe mit Fungiziden hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Manche hochwirksamen Mittel dürfen heute nicht mehr verwendet werden. Der Umgang mit modernen Texti-lien, vor allem was Schimmel  und Stockflecken anbelangt, muss deshalb deutlich sorgfältiger geschehen, als das vor zwanzig Jahren der Fall war. Feucht in die Backskiste gestaute Verdeckteile können schon nach wenigen Tagen vor sich hin modern, besonders wenn organisches Material wie beispielsweise Baumwolle mit im Spiel ist.
Nicht nur deswegen steht für den Besteller einer Persenning oder eines Camperverdecks die Frage nach der Dampfdichtigkeit an prominenter Stelle. Materialien, die Wasserdampf leicht passieren lassen, können auch im zusammengelegten Zustand trocknen und neigen weniger zum Verspaken als das bei dampfdichten Materialien der Fall ist. Das betrifft nicht nur die Persenning selbst, sondern alles, was damit mehr oder weniger dampfdicht eingepackt wird.
Der allgemeine Begriff „Atmungsaktiv“ ist übrigens dehnbar und muss näher beschrieben werden, wenn er tatsächlich etwas aussagen soll. „Atmungsaktiv“ bedeutet nur, dass Wasserdampf das Material passieren kann. Damit ist aber noch keine quantitative Aussage verbunden, nämlich wie viel Wasserdampf in welchem Zeitraum passieren kann. Schlussendlich ist fast kein Persenningmaterial tatsächlich absolut damfpdicht.
Nicht nur Holzboote leiden unter permanenter, hoher Luftfeuchtigkeit, sondern auch Kunststoffboote und deren Interieur. Wer eine Persenning aus dampfdichter Folie ordert, kann zwar sicher sein, dass das Material auch dann kein Wasser durchlässt, wenn es mal nicht sorgfältig gespannt ist, er muss sich aber auch Gedanken über eine wirksame Lüftung machen und peinlich darauf achten, dass das Material nirgendwo aufliegt. Eine dampfdichte Persenning, die auf dem Süllrand oder dem Deck aufliegt, verhindert, dass das darunter kondensierende Wasser abtrocknen kann. Darunter leidet nicht nur der Lack auf dem Holzdeck, der durch den Dampfdruck abgehoben werden kann, sondern auch die Gelschicht auf dem Kunststoffdeck. Feine Risse im Gelcoat deuten darauf hin, dass das Deck unter der Persenning immer feucht ist.
Ein textiles und atmungsaktives Material nimmt die Feuchtigkeit an den entsprechenden Stellen auf und verteilt sie großflächig, von wo aus sie verdunsten kann.?Ein Mischgewebe aus Baumwolle und Kunstfaser ist?die einfachste, preisgünstige Variante, die solche Anforderungen erfüllt. Der Hersteller DTT aus dem Stuttgarter Raum hat ein interessantes Produkt im Programm, das auf der Oberseite aus einer Dampfdurchlässigen Folie und auf der Unterseite aus einem Vlies besteht. Grundsätzlich können Persenninge, die über eine Reling verlaufen, auch aus beschichtetem Gewebe oder Folienmaterial bestehen, wenn sie nirgends auf Deck aufliegen. Persenninge für Boote ohne Reling sollten dagegen besser aus einem nicht dampfdichten Material wie klassisches Mischgewebe oder einem entsprechenden Hightech-Material bestehen. Bei solchen Booten lässt es sich praktisch nicht vermeiden, dass die Persenning irgendwo aufliegt und sich dort Kondenswasser sammelt.
Materialien
Persenningstoffe unterscheiden sich noch in vielerlei anderen Gesichtspunkten: Dickes, schweres Material kann, die selbe Machart vorausgesetzt, tendenziell langlebiger sein als dünnes, leichtes Material. Andererseits ist eine leichte, dünne Persenning einfacher zu handhaben. Das Gewicht macht sich bei großen Persennings besonders negativ bemerkbar und deren Anbringung wird zum schweißtreibenden „Knochenjob“. Ab einer bestimmten Bootsgröße ist es daher sinnvoll, die Persenning aus mehreren Teilen fertigen zu lassen, die miteinander verbunden werden können.
Die Farbwahl ist nicht nur eine optische Angelegenheit. Helle Farben reflektieren mehr Sonnenlicht und heizen das unter der Persenning liegende Boot nicht so stark auf. Auch gibt es Farbstoffe, die sehr stabil sind und Farbstoffe, die relativ schnell ausbleichen. Um das beurteilen zu können, muss man die Materialien genau kennen und der Auftraggeber sollte den Rat des erfahrenen Handwerkers beherzigen.
Wasserdicht ist relativ
Die Wasserdichtigkeit eines Gewebes wird in „Millimeter Wassersäule“ gemessen. Dazu muss man sich vorstellen, dass ein senkrecht stehendes Rohr an seiner Unterseite mit dem Prüfmaterial verschlossen wird. Füllt man langsam Wasser in das Rohr, nimmt dessen Gewichtskraft auf den Stoff zu, und ab einer bestimmten Höhe wird das Wasser durch das Gewebe tropfen. Steht das Wasser einen Meter hoch im Rohr, ohne durch die Materialprobe hindurch-zudringen, besitzt das Gewebe eine Wasserdichtigkeit von 1000 mm oder von einem bar. Regentropfen können, gerade bei stürmischem Wetter, eine hohe Geschwindigkeit erreichen, mit der sie auf das Material prallen. Dadurch sind die Anforderungen an die Wasserdichtigkeit, etwa bei einem Camperverdeck, unter dem man sich auch bei schlechtem Wetter aufhält, höher als beispielsweise bei einem reinen Sonnensegel. Folien sind absolut wasserdicht, schaffen aber eine Treibhaus-Atmosphäre, weil sie nur wenig Dampf entweichen lassen. Der genaue Wert variiert zwischen verschiedenen Produkten.
Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal bezieht sich auf die Lichtechtheit. Hier kann unterschieden werden, ob ein Gewebe „spinndüsengefärbt“ oder „garngefärbt“ ist. Beim ersten Verfahren ist der ganze Faden durchgefärbt. Die Pigmente sind innen in der Faser eingeschlossen und daher nicht direkt dem Sonnenlicht ausgesetzt. Bei garngefärbtem Material werden die Farbstoffe erst nach der Herstellung des Garns, von außen aufgetragen. Die Pigmente befinden sich ungeschützt an der Oberfläche des Fadens. Daher bleicht garngefärbtes Gewebe tendenziell schneller aus als spinndüsengefärbtes Material. Das hat aber nichts mit der mechanischen Stabilität zu tun, sondern bezieht sich rein auf die UV-Beständigkeit der Farbe und die optische Anmutung des fertigen Produkts.
Welches Material wofür?
Es gibt kein „bestes Universalmaterial“, das sowohl für Persenning, Sprayhood, Sonnensegel oder Baumpersenning gleichermaßen gut geeignet wäre. Hier kommt es auf die Detailkenntnis des Sattlers an. Er muss die Anforderungen des Kunden mit seiner Konstruktion und den spezifischen Eigenschaften des Materials in Einklang bringen.
Auch die Verarbeitung selbst spielt eine große Rolle. Allgemeine Sorgfalt und exaktes Arbeiten ist?das Eine, materialgerechte Kons-truktion und Verarbeitung ist das Andere. Eine Folie, die in alle Richtungen gleich belastbar ist, muss grundsätzlich anders verarbeitet werden als ein Gewebe mit seinen beiden Hauptlastrichtungen. Ein rein synthetisches Gewebe muss ebenfalls etwas anders verarbeitet werden als ein Baumwoll- oder Mischgewebe, das aufquillt und einläuft, nachdem es nass geworden ist.
Verschlüsse
Mindestens so wichtig wie das Tuch selbst ist das Zubehör wie Knöpfe, Gurtschnallen oder Reißverschlüsse. Wer hier spart, spart mit Sicherheit am verkehrten Ende, denn mit ungeeigneten Verschlüssen kann das Anbringen der Persenning zur lästigen und anstrengenden Pflicht werden. Die beste Persenning nützt wenig, wenn deren Handhabung umständlich ist. Die Gefahr ist groß, dass man dadurch nachlässig wird und die Persenning eben nicht oder nicht korrekt anbringt. Dann hätte man sich die teure Investition von vornherein sparen können.
Ein Reißverschluss verbindet zwei Teile auf der gesamten Länge. Wenn dieser zusätzlich unter einer Klappe verschwindet, ist die Öffnung relativ dicht. Knöpfe dagegen verbinden zwei Teile punktuell. Dazwischen ist die Verbindung offen. Eine solche Konstruktion hat gegenüber einem Reißverschluss den zusätzlichen Vorteil, dass noch ein gewisser Luftaustausch stattfinden kann.
Ob Druckknöpfe, Tenax-Knöpfe oder drehbare Knebelverschlüsse zum Einsatz kommen, ist nicht nur Geschmacksache, sondern auch eine Frage des Komforts, der Haltbarkeit und letztlich des Preises.
Seit Jahrzehnten bewährt haben sich Tenax-Knöpfe, deren Prinzip aus einem Kugelkopf und einer Federbelas-teten Spannzange beruht. Vorteile sind die bequeme Handhabung, auch mit klammen Fingern, weil weder beim Öffnen noch beim Schließen viel Kraft aufgewendet werden muss. Weitere Pluspunkte sind die sehr hohe Haltekraft, die Robustheit und die geschraubte Konstruktion, die es auch einem Laien erlaubt, einen defekten Knopf auszutauschen. Es gibt einen preiswerten Spezialschlüssel für die Montage, und zur Not bekommt man die Knöpfe auch mit „Bordmitteln“ ausgetauscht. Nachteilig ist zunächst der relativ hohe Preis, der sich aber schnell relativieren kann. Wenn man wegen jedem billigen Verschluss, der „seinen Geist aufgibt“, die Persenning zum Sattler bringen muss, weil nur dieser das entsprechende Montagewerkzeug besitzt oder sogar Näharbeiten durchführen muss, können die billigen Knöpfe auf Dauer recht teuer werden.
Tenax-Knöpfe lassen sich, sofern das Unterteil beispielsweise fest am Rumpf montiert ist, mit einer Hand öffnen und schließen. Bei zwei Stoffpartien lassen sie sich mit einer Hand öffnen, aber nicht schließen. Druck-knöpfe lassen sich ebenfalls mit einer Hand lösen und befestigen, solange das Unterteil fest ist und beispielsweise auf einem Windschutzscheibenrahmen sitzt. Werden zwei Stoffpartien damit verbunden, braucht man einen stabilen Stand, weil man sowohl zum Öffnen wie auch zum Schließen zwei Hände braucht und sich nirgends festhalten kann. Dasselbe gilt für das Schließen von Drehverschlüssen.
Klettverschlüsse sind bequem zu öffnen und zu schließen, ihre Haltekraft lässt aber erfahrungsgemäß bald nach und sie müssen unter Einsatz einer Nähmaschine ausgetauscht werden.
Gestänge
Für manche Arten von Verdeck ist ein Gestänge nötig, das normalerweise ebenfalls vom Bootssattler angefertigt wird. Oft hat der Kunde?die Wahl zwischen Edelstahl- und Aluminiumrohren. Wenn das Gewicht keine große Rolle spielt, ist Edelstahl sowohl von Seiten der Korrosionsproblematik im Salzwasser als auch mechanisch die robustere Lösung. Vor allem lässt sich ein verbogenes Edelstahlrohr wieder problemlos zurück-biegen. Aluminium bricht in solchen Fällen oft. Der Preisunterschied dürfte im Gesamtpreis des Verdecks oder der Sprayhood keine ausschlaggebende Rolle spielen. Der Fachhandel bietet ein großes Sortiment an Beschlägen, Gelenken und Befestigungen für das Gestänge an, so dass auch komplizierte Konstruktionen aus preiswerten Standardteilen schnell und ohne aufwändige Schweißarbeiten mit entsprechenden Nachbehandlungen erstellt werden können. Gängige Rohrdurchmesser sind 18 / 20 / 22 / 25 und 30 Millimeter. Mit Hilfe von Adapterstücken können auch Gestänge mit gemischten Rohrdurchmessern erstellt werden.

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