Schutz eines Kulturgutes

Editorial IBN 2010/06

15.06.2010 von Hans-Dieter Möhlhenrich

Gemeinsam haben Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Slowenien unter Federführung der Schweiz am 26. Januar offiziell eine Kandidatur ihrer prähistorischen Pfahlbauten für das Unesco Welterbe eingereicht. Die Kandidatur umfasst nach heutigem Stand 156 von rund 1000 bekannten Fundstellen in den sechs Ländern. Besonders um die großen Seen bestehen Pfahlbausiedlungen in großer Dichte: Ein Teil davon, nämlich 13 der bis dato aufgenommenen Stellen, befindet sich am Bodensee, zehn der ausgewählten Siedlungen liegen auf deutscher Seite im Westteil des Sees und drei auf der Schweizer Seeseite vor Arbon, Ermatingen und der Insel Werth bei Eschenz. Von den deutschen Gebieten sind die bedeutenden Fundstellen bei Wangen, Hemmenhofen, Hornstaad, Allensbach, Insel Langenrain / Untersee, Konstanzer Trichter, Litzelstetten, Bodman, Sipplingen und Unteruhldingen, die direkt im Bereich des Bodenseeufers liegen. In der Flachwasserzone des Bodensees sind Dorfanlagen der Steinzeit und Bronzezeit (von ca. 4300 bis 800 v. Chr.) konserviert. Aufgrund der Erhaltungsbedingungen wurden organische Materialien in der nassen und sauerstofffreien Umgebung nicht von Mikroorganismen zersetzt. Holzgeräte, Bauhölzer, Speisereste, Textilien, Erntevorräte oder auch Fischschuppen, Trüffelsporen sowie tierische und menschliche Parasiten können daher noch heute Auskunft über die Lebensweise der Bewohner der Pfahlbausiedlungen sowie über ökologische und klimatische Bedingungen geben. Ein spektakulärer Fund war zuletzt eine nahezu vollständig erhaltene Sandale aus der Zeit um 2900 v. Chr. Als man in den 80er Jahren mit der intensiveren Erforschung der Pfahlbauten am Bodensee begann, musste man schnell erkennen, dass sie zum Teil starken Abtragungsvorgängen unter- Schutz eines Kulturgutes worfen sind. An vielen Uferabschnitten wurden die Pfahlbausiedlungen bereits durch Erosion zerstört. Stück um Stück verschwanden Fundstellen und Funde. Mutmaßliche Auslöser dieses Zerstörungsprozesses waren Baumaßnahmen, natürliche Windwellen sowie die Wellen der Schifffahrt, insbesondere der großen Fahrgastschiffe. Die Wellenerosion hat im Ostteil des Sees viel stärkere Auswirkung und erklärt wohl, dass alle benannten Fundstellen im Westteil des Bodensees liegen. Ein weiterer Grund für die Zerstörung der Pfahlbaureste soll in der vermuteten langfristigen Absenkung des Seespiegels liegen. Das Zusammenwirken der einzelnen Faktoren ist jedoch nur ungenügend erforscht. Eine Rolle spielen wohl auch ankernde Boote oder Taucher, die auf „Schatzsuche" gehen. Dieses Erbe zu schützen ist nicht einfach. So wird z. B. versucht, Pfahlbaureste mit einer Kiesschicht und Geotextil abzudecken, um so die Erosionsvorgänge zu stoppen. Schließlich soll ein Monitoringsystem entwickelt werden, das die Fundstätten in der Flachwasserzone langfristig überwachen soll. Für die Eintragung als Unesco-Welterbe wären geeignete Erhaltungs- und Überwachsungsmaßnahmen ohnehin unabdingbar, die im Rahmen des Interreg-IV-Programms Erosion und Denkmalschutz am Bodensee und Zürichsee erarbeitet werden. Soweit, so gut und auch richtig. Doch was bisher tunlichst bei dem gesamten Vorgehen vermieden wurde, sind Aussagen darüber, was man von der Anerkennnung eines Welterbes erwartet, das man zum Schutz unter Kiesschichten verstecken muss und welche Folgen das sonst noch haben wird. Neben den gemeldeten Pfahlbausiedlungen existieren am Bodensee unter Wasser noch viele weitere alte Siedlungsreste und folgen nach Natura 2000- und FFH- jetzt die Pfahlbauschutzgebiete?