Neues vom Offshore Racing Congress 2010 (ORC)

23.12.2010

Die Sitzung des Offshore Racing Congress (ORC) fand in 2010 vom 4. bis zum 10. November 2010 in Athen/Griechenland statt. In etwa zeitgleich tagte dort auch der Weltseglerverband ISAF.

Das seit 2008 weltweit erfolgreich eingeführte Geschwindigkeits-Prognose-Programm (VPP) ist auch auf diesem Meeting weiterentwickelt worden. Das ITC (International Technical Committee) des ORC, sozusagen die Regelhüter, haben in 2010 mehrere Neuerungen programmiert und getestet, welche nunmehr final abgestimmt wurden und für 2011im VPP eingeführt werden.  

Neben den mehrfach angekündigten und nun endlich realisierten Online Services auf der Internetseite des ORC (www.orc.org) zu Testrechnungen, Messbriefkopien, Stabilitäts- und Performance-Sheets (Polardiagrammen) für die Saison 2011, sind auch zahlreiche kleinere und größere Änderungen in die Formel und das Regelwerk selbst eingeflossen. 

Insgesamt betrachtet bleibt die Flotte sehr stabil. Einige offensichtliche Schwächen in der Geschwindigkeitsberechnung sind jedoch bereinigt worden. Details hierzu finden sich im zweiten Abschnitt. 

Sowohl im ORC-International als auch im ORC-Club Messbrief weiterhin enthalten sein wird das sog. Double-Hand-Handicap. 

Am Regelwerk zu IMS-Vermessungsvorschriften und den „ORC Rating Rules“ hat es einige, größtenteils redaktionelle Veränderungen gegeben. 

Die Dokumentationen zum VPP selbst, sowie zu seinen Auswertemöglichkeiten sind komplett überarbeitet worden und werden zur Saison 2011 online auf www.orc.org verfügbar sein. 

 Das Aerodynamikmodell ist weiter verfeinert worden. Insbesondere die Modellierung der Spinnaker Varianten und der Code-0 Effekte wurde verbessert. Der Bereich zwischen „großem“ Code-0 und „kleinem“ asymmetrischem Spinnaker wird durch mehrere neue Berechnungen innerhalb des VPP nun besser abgebildet. Ebenso neu sind die Koeffizienten zur Berechnung der Wirkung eines Spinnakers bei Winkeln kleiner 60° (AWA) sowie eine sog. „SHAPE FUNCTION“ die es erlaubt, die nachlassende Effektivität großer Spinnaker bei sehr leichten Windbedingungen vernünftig zu berücksichtigen. Die Überschneidungen (cross-over Punkte) zwischen Vorsegel und Spinnaker werden mit einer neuen Methode in Zukunft wesentlich genauer berechnet. Dies gelingt mit der Einführung eines VMC-Konzeptes („velocity made good along course“), welches es ermöglicht die „reach“ Anteile eines Kurses so zu berücksichtigen wie es in der Praxis an Bord geschieht. 

Roll-Großsegel werden nun bei der Trägheitsberechnung berücksichtigt, Roll-Vorsegel werden erst ab einer Überlappung von 110% mit einem anderen Koeffizientensatz berechnet, um die schlechtere Anströmung zu berücksichtigen. Roll-Vorsegel bis 110% werden berechnet wie normale Vorsegel. 

Es sind ab 2011 sogenannte „articulated poles“, also bewegliche Gennakerbäume gestattet. Diese können in der Geschwindigkeitsprognose berücksichtigt werden. Ebenso gestattet sind sog. „lenticular riggings“, also linsenförmige und damit aerodynamische Wanten. 

Im Hydrodynamik-Modell sind nochmals einige Änderungen im Bereich der Berücksichtigung von getauchtem Spiegel und kurzen Überhängen eingeflossen. Hier haben neue Modellversuche zu besseren Erkenntnissen geführt. Nach den im letzten Jahr bereits eingeführten Doppelruderanlagen sind nun auch Twin-Kiele in der Berechnung möglich. Diese sind nun im hydrodynamischen Modell berücksichtigt. Sie werden korrekt in Fläche und Position berechnet. 

Die Leeposition der Crew auf Vorwind-Kursen wird ab 2011 berücksichtigt. Dies wird insbesondere für Schiffe mit extremem U-Spant und bei leichten Windbedigungen Auswirkungen haben.

Kleinere Änderungen betreffen vorwiegend die hydrodynamische Modellierung des Rumpfes und seiner Anhänge. Insbesondere bei Schiffen mit langen Kielwurzeln werden hier Effekte über eine bessere Berücksichtigung des Gesamtwiderstandes erreicht. 

Die Vermessungsvorschriften zur Erfassung der Rumpf, Kiel und Ruder Geometrien (Rumpfanhänge) sind überarbeitet worden. Eine neue Methodik erlaubt die getrennte Vermessung von Rumpf, sowie Kiel und Ruder. In Zukunft können die „Bauteile“ des Schiffsrumpfes getrennt voneinander aufgemessen werden. Auch die nachträgliche Änderung eines Kieles oder Ruders bedingt damit nicht mehr zwingend die erneute vollständige Vermessung des gesamten Schiffes. Dies soll im Zusammenhang mit der Bereitstellung der neuen Rumpfmessmaschine die Aufnahme der 3-D Geometriedaten deutlich erleichtern. Insbesondere Varianten des gleichen Schiffstypes mit unterschiedlichen Tiefgängen werden so einfacher und deutlich günstiger zu vermessen sein. 

Eine redaktionelle Änderung betrifft den Single Number Inshore Wert (ILC) auf beiden Messbriefen. Dieser ist mit dem Zusatz „windward/leeward“ bezeichnet und seine Zusammensetzung aus den einzelnen Geschwindigkeitsvorhersagen reflektiert diesen Umstand in Zukunft auch. In der Vergangenheit war hier ein 20% Anteil „reach“-Kurs enthalten, ab 2011 wird mit 50% Kreuz- und 50% Vorwind-Anteil gerechnet. 

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ORC-INTERNATIONAL und ORC-CLUB 

Die wichtigsten Änderungen im VPP, beide Messbriefe betreffend 

Die Änderungen im GPH Wert in 2011 werden im Vergleich zu den vergangenen Jahren teilweise etwas deutlicher ausfallen. Bei vereinzelten Extremfällen können auch Änderungen bis zu mehreren sec/nm vorkommen. 

  • Das Aerodynamik Modell ist nach der realitätsnäheren Reffprozedur in 2010 nun zusätzlich mit den neuen Spinnaker-Einflussgrößen in 2011 nach aufwändigen Windtunnelversuchen weiter verfeinert worden. Insbesondere die Koeffizienten für Winkel < 60° sind komplett neu. Die Übergangsbereiche zwischen Vorsegel und Spinnaker werden mit einer neuen Prozedur berechnet, die Code-0 Berechnung wird insbesondere im Übergang zum asymmetrischen Spinnacker verbessert. Zusätzlich kommt die nachlassende Wirkung großer Spis bei leichtem Wind nun besser zum Tragen. 
  • Einführung des VMC-Konzeptes für downwind-performance („reach“).
  • Die Berücksichtigung der Effekte eines getauchten Spiegels bei einigen Schiffen ist mit Hilfe von umfangreichen Tanktests erneut weiter verbessert worden. 
  • Crewpositionierung in Lee und der resultierende Trimm bei leichten Windbedingungen wird berücksichtigt. 
  • Bewegliche Gennakerbäume / Bugspriets sind erlaubt und können berücksichtigt werden. 
  • Rollgroßsegel werden in der Trägheitsvergütung besser berücksichtigt. 
  • Rollvorsegel bekommen erst ab einer Überlappung von 110% eine Vergütung für die Rollanlage. 
  • Tandem – bzw. Twin-Kiele werden zukünftig korrekt vermessen und können durch das VPP berücksichtigt werden. 
  • Die Widerstandsbetrachtung an Kielen mit langen Übergängen zum Rumpf wird verbessert. 
  • Schiffe ganz ohne Spinnaker werden auf Vorwind-Kursen mit einer Vorsegelfläche berechnet, die 3,5% größer als die vorhandene Fläche der größten Genua ist. 
  • Bei fehlenden Massen des Großsegels (ORC-Club) sind die Default Werte verringert worden.

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Regeln

In den IMS Vermessungsbestimmungen werden die Wortlaute zu Wasserballast neu gefasst, sowie die Möglichkeit zur Anwendung des Rollgroßsegels sowie des linsenförmigen, stehenden Gutes eingeführt. Zusätzlich wird der bewegliche Gennakerbaum beschrieben. 

In den ORC Rating Rules sind einige Änderungen enthalten, die vorwiegend redaktioneller Natur sind, und die beschlossenen Änderungen im VPP widerspiegeln, z.B. neue Default Größen beim Großsegel, wenn es nicht vermessen ist. Auch die Berechnungen zu Code-0 und asymmetrischem Spinnaker sind neu beschrieben (Regel 109, 111, 113, 114, 206).

Unter Regel 304 wird nunmehr eindeutig beschrieben, wie mit dem im Messbrief angegebenen, maximal zulässigen Crewgewicht umzugehen ist. 

Das „Standard Notice of Race“ im Greenbook (Weltmeisterschaftsregeln) enthält einen modifizierten Zeitplan.  

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Sicherheitsbestimmungen

Die aktuelle Version der ISAF Offshore Sicherheitsbestimmungen (Special Regulations) ist für 2010 und 2011 gültig. (www.sailing.org) Diese sehr umfangreichen Sicherheitsbestimmungen sind nur für solche Regatten einzuhalten, bei denen dies ausdrücklich gefordert ist. Üblicherweise wird dies in der Ausschreibung ausdrücklich erwähnt. Die Segelflächen der Sturmsegel wurden nicht geändert. Alle aktuellen Entscheidungen finden sich unter o.g. Link der ISAF. 

In den ISAF Special Regulations (Hochseesicherheitsvorschriften) sind einige Neuerungen für die in 2012 (!) zu erwartende Neufassung enthalten. 

Es ist vorgesehen für alle ab 1. Januar 2011 gekauften Rettungswesten einen integrierten Harness (ISO 12401), sowie eine Lampe und eine Schutzhaube vorzuschreiben. Insbesondere sollen nur noch solche Westen als konform angesehen werden, die den neue ISO Standard 12402 erfüllen. Der genaue Wortlaut wird in der Neuausgabe der Special Regulations 2012 zu finden sein. Bei vorgesehenen Neuanschaffungen sollte man dieses jedoch schon jetzt berücksichtigen. Die ISAF wird auf ihrer homepage www.sailing.org hierzu einen genauen Wortlaut veröffentlichen. 

Zusätzlich sind in den vergangenen Jahren immer häufiger Rettungsinseln mit gefälschten ISO Zertifikaten auf dem Markt aufgetaucht. Hier sollte man beim Kauf Vorsicht walten lassen und ggfs. ebenfalls die Internetseite der ISAF konsultieren. 

Es wird vermutlich schon in der Saison 2011 eine neue online Version der Special Regulations geben, die mehrere Funktionen zum vereinfachten Umgang beinhaltet. So kann man dort direkt nach Kategorien wählen, sich die notwenige Mehrausstattung zwischen den einzelnen Kategorien anzeigen lassen etc. 

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Termine der wichtigsten Regatten 2011 (soweit bekannt): 

29. April – 01. Mai MAI-Offshore-Race (MAIOR) Kiel 
14 – 15 Mai Go for Speed Praxistraining Flensburg 
21 – 22 Mai Frühjahrswoche Flensburg 
24 – 28 Mai Rolex Capri Sailing Week Capri, Italien 
10 – 13 Juni Nordseewoche Helgoland 
18 – 26 Juni Kieler Woche (IDM Offshore) Kiel 
18 – 26 Juni ORC Int Weltmeisterschaft Cres, Kroatien 
23 – 31 Juli Travemünder Woche Travemünde 
6 – 13 August ORC Int Europameisterschaft Hanko, Norwegen  

Alle internationalen Termine auch unter www.orc.org im „Events Calendar. 

Weitere nationale Termine zu Regatten finden Sie im Seeregattenheft 2011.

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ORC / RORC 

Die Regelhüter der beiden Systeme ORC und IRC sprechen unter Moderation der ISAF seit Mitte 2010 über eine Zusammenarbeit mit dem Ziel eine einheitliche Handicap Formel weltweit einzusetzen. Es gibt sehr deutliche Willensäußerungen aller Beteiligten, dass zur Saison 2011 eine neue Firma gegründet wird, unter deren Dach mit der Entwicklung einer weltweit einheitlichen Formel begonnen werden soll. Die neu zu schaffende Firma soll solange wie notwendig die etablierten Rating Systeme ORC und IRC verwalten. Ein Zeitplan für die Einführung eines neuen, einheitlichen Systems kann noch nicht angegeben werden. Im Moment ist davon auszugehen, dass eine neue Formel wissenschaftlich basiert und offen dokumentiert sein muss, um die Genehmigung zur Abhaltung von Welt- und Kontinentalmeisterschaften seitens der ISAF sicherzustellen. 

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Sonstiges  

Die ORC-Gebühren für die Messbriefe werden für 2011 erneut nicht verändert.