Schott raus, Abu Dhabi kehrt um

Auckland, 19.03.2012 von IBN

Die Königsetappe des Volvo Ocean Race 2011-2012 startete am Sonntag (18. März) im neuseeländischen Auckland mit einem Paukenschlag: Schon nach wenigen Stunden brach auf der 21,50 Meter langen Hochseesegelyacht des Abu Dhabi-Teams ein Schott heraus.

Der britische Skipper Ian Walker kehrte zur Reparatur in den Hafen zurück. Die Crew blieb unverletzt. Und das war erst ein Vorgeschmack auf das härteste Teilstück der 39.000 Seemeilen (72.000 Kilometer) langen Regatta rund um die Welt. Es führt durchs Südpolarmeer rund Kap Hoorn nach Itajaí in Brasilien. Die Segler erwarten schwere Stürme und eisige Kälte. Angeführt von der einheimischen “Camper³ von Chris Nicholson knapp vor Puma Ocean Racing mit US-Skipper Ken Read und dem einzigen Deutschen im Rennen, Vorschiffsmann Michael Müller aus Kiel, ging es schon am ersten Tag heftig zur Sache. In der Gesamtwertung des Rennes, das Anfang Juli in Galway/Irland endet, liegt die spanische “Telefoníca³ (Iker Martínez) vor Franck Cammas “Groupama³ aus Frankreich.

“Diese Etappe wird sicher kein Zuckerschlecken, alle haben sehr großen Respekt davor, was uns erwartet³, meinte Müller vor dem Start, der auch die zweite Hälfte der Weltregatta einläutete. Die 6.705 Seemeilen (fast 12.400 Kilometer) versprechen Bedingungen, die “Mensch und Material zerbrechen können³, warnt Ken Read. Obwohl der derzeit Gesamtvierte klar das Ziel Podium ausgegeben hat, gehe es zunächst einmal nicht um Sieg oder Niederlage. “Wir müssen das Boot und die Mannschaft im Ganzen heil ins Ziel bringen³, so der “Puma³-Skipper, “denn nur wer überlebt und durchkommt, hat überhaupt eine Chance zu gewinnen.³ Read weiß, wovon er spricht. Schließlich schied sein Team in der ersten von neun Etappen durch Mastbruch aus.

Der Schaden auf der “Azzam³ (Abu Dhabi) entstand, als das Boot von einer mittelgroßen, steilen Welle abhob und wieder aufs Wasser aufschlug. “Das J4-Schott im Bugbereich wurde komplett herausgerissen³, berichtete Nick Dana, der Medienmann an Bord. Dieses Schott sichert die Befestigung eines wichtigen Schwerwettervorsegels, das nun nicht mehr hätte gesetzt werden können. Schotten sind die Querversteifungen in den hochgezüchteten Kohlefaseryachten, und dienen auch der Sicherheit bei Wassereinbruch, damit nur eine Sektion zwischen zwei Schotten volllaufen kann. Abu Dhabi Ocean Racing will nach der Reparatur die Verfolgung wieder aufnehmen.

Bis dahin könnte die Konkurrenz allerdings schon über alle Berge sein. Rennmeteorologe Gonzalo Infante prophezeite ein tropisches Tiefdruckgebiet nordöstlich von Auckland, das sich auf dem Weg nach Süden noch vertiefen sollte. “Das ist eine Hitzemaschine. Das stecken sicher 30 Knoten Wind, in Böen vielleicht sogar 50 bis 60 drin³, so der Wetterfrosch. Das wäre fast Orkanstärke. Bei solchen Bedingungen heben selbst die Profis den eisernen Grundsatz auf, der gilt eine Hand fürs Boot und eine für sich selbst. “Wenn wir einen Wellenkamm durchstoßen, wird das Wasser mit einer derartigen Wucht übers Deck gespült, dass ich mich mit beiden Händen festhalten muss³, erklärt “Michi³ Müller, “da muss das Segel dann erstmal warten.³

Für den 29-jährigen wird es schon die zweite Umrundung des Meilensteins aller Seefahrer, das berüchtigte Kap Hoorn. Im vorigen Volvo Ocean Race war er mit dem Puma-Team auf der Etappe Dritter geworden. Die Leverkusener Yacht “illbruck³ hatte sie 2002, damals noch in Rio de Janeiro gewonnen, und später auch die härteste Hochseeregatta für vollbesetzte Crews insgesamt. Müller: “Bis zum Kap Hoorn wird es sicher ungemütlich. So viel Segelklamotten hatte ich bisher noch nie dabei³,  ein einziger Satz für drei Wochen, versteht sich. Südlich des 40. und 50. Breitengrads in den “Brüllenden Vierzigern³ und “Fürchterlichen Fünfzigern³ sinken die Temperaturen auf Werte um den Gefrierpunkt. Wegen bedrohlicher Eisberge in der Region richtet die Regattaleitung auf der Route so genannte Eistore ein, die nördlich der Gefahrenzone liegen und durchfahren werden müssen.

Am Vortag des Etappenstarts hatte die “Camper³ vor eigenem Publikum gefolgt von der “Puma³ das Hafenrennen (In-Port-Race) gewonnen und sich fünf Punkte gutgeschrieben. Diese beiden Boote übernahen auch auf der Langstrecke gleich wieder die Führungspositionen. Der Topfavoritin “Telefoníca³, die die ersten drei Hochseeetappen gewonnen hatte und 15 Zähler Vorsprung vor den Verfolgern hat, war im Hafenrennen nur der letzte Platz geblieben. Noch sind mehr als die Hälfte aller Punkte zu vergeben. “Bislang hatten sind wir oft Pech und sind unter Wert geschlagen worden³, sind sich Read und Müller einig. Sie wollen in den nächsten Wochen und Monaten weiter nach vorn segeln. Der Trip nach Brasilien wird etwa 18 Tage dauern.