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Umgang mit Lacken

23.10.2010
IBN

Sie stehen in den Regalen der Bootsausrüster in Reih und Glied. Sie sind auf den Hochglanzseiten diverser Versandhändler zu finden. Wenn man die Kurzbeschreibungen liest, findet man jedoch selten brauchbare Hinweise darauf, wofür, wie und unter welchen Bedingungen die zahlreichen Lacksysteme angewendet werden können.

Wenn der Kunde in einem Fachgeschäft beraten wird, hat er die Chance, auf einen kompetenten Ansprechpartner zu treffen. Der sollte die Produkte aus der eigenen Anwenderpraxis kennen. Oft wird in diesem Zusammenhang aber nur der Herstellerprospekt zitiert, der in den meisten Fällen nicht wesentlich weiter hilft. Auch die Versandhändler machen sich selten die Mühe, die jeweiligen Produkte zu charakterisieren sondern beschränken sich auf die Aussagen der Hersteller. Grob kann man den Markt in einkomponentige, mehr oder weniger gebrauchsfertige Lacke, sowie in mehrkomponentige Produkte unterscheiden. Diese härten erst, nachdem verschiedene Chemikalien miteinander vermischt sind.

Einkomponenten Lacke

Die erste Gruppe ist etwas einfacher zu verarbeiten, da die heimische Arbeit sich lediglich auf die Einstellung an die jeweiligen klimatischen Bedingungen beschränkt. Das geschieht durch entsprechende Verdünnungen. Bei einem Lack auf Alkydharzbasis kann alternativ auch Owatrol-Öl verwendet werden, das hervorragende Ergebnisse liefern kann (siehe IBN 10/00).

Wasserlacke nur für Leinendecks

Acrylfarben, sogenannte Wasserlacke, kann man fürs Boot vergessen. Diese Anstriche liefern nur befriedigende Ergebnisse, wenn sie unter professionellen Bedingungen verarbeitet werden. Der ökologische Gewinn, den uns die Hersteller versprechen, hält sich ohnehin, trotz blauem Engel und anderer Werbesiegel, in engen Grenzen. Einzig bei der Beschichtung von Leinendecks wird diese Farbe im Bootsbau sinnvoll angewendet.

Alkydharzlacke härten physikalisch

Einkomponentige Kunstharzlacke enthalten Lösungsmittel, die die Alkydharz-Moleküle an der Vernetzung hindern. Ansonsten sind in guten Lacken hochwertige UV-Filter vorhanden, in farbigen Lacken Pigmente. Kunstharz, Pigmente und UV-Filter sind teuer. Lösungsmittel ist im Vergleich dazu billig. Deshalb erkannt man einen guten Lack am Festkörpervolumen. Das ist der Teil des Produkts, der nach dem Abdampfen des Lösungsmittels und der vollständigen Härtung auf der Oberfläche bleibt. Dieser liegt bei hochwertigen Produkten etwas über fünfzig Prozent.

Wenn sich das Lösungsmittel verflüchtigt, vernetzen die Moleküle des Kunstharzes.Das bringt einige Eigenheiten bei der Verarbeitung mit sich. Zuerst müssen die klimatischen Bedingungen stimmen. Bei tiefen Temperaturen ist das Produkt zu dickflüssig, um sauber auf einer Oberfläche zu verlaufen. Auch der Benetzungsgrad auf einer porösen Oberfläche, wie beispielsweise Holz, ist ungünstig. Der Lack kann aufgrund seiner hohen Viskosität nicht in die Fasern eindringen und bleibt als relativ dicke Schicht auf der Oberfläche stehen. Es findet nur eine geringe Haftung statt. Kalte Temperaturen verzögern die Verdunstung des Lösungsmittels. Der Lack kann nur langsam trocknen. Aufgrund der hohen Schichtstärke bildet sich an der Oberfläche ein angetrockneter Film, der die weitere Verdunstung des Lösungsmittels verhindert. Ein Kunstharzfilm schwimmt quasi auf einer zähflüssigen Lackschicht, die nur sehr langsam trocknet. Im Lauf der Zeit bilden sich „Runzeln“. Das eindeutige Zeichen dafür, daß die Lackschicht zu dick aufgetragen wurde.

Weiterhin ist die langsame Trocknungszeit auch bei der Arbeitsplanung zu berücksichtigen. Ein einschichtiger Überholungsanstrich ist kein Problem. Soll aber ein Teil von Grund auf neu lackiert werden, müssen sechs bis acht Schichten aufgetragen werden. Es kann Wochen oder sogar Monate dauern, bis diese große Lackmenge entsprechend stehen bleibt, um für die Endlackierung geschliffen werden zu können. Aber auch zu hohe Temperaturen sind schädlich. Der Lack trocknet dann, bevor er richtig verlaufen kann. Pinselstriche und Ansätze sind die Folge.

Ein weiteres Manko der Alkydharzlacke ist, daß diese Produkte im Lauf der Zeit vergilben. Das ist besonders bei weißen Farbtönen auffällig. Ein Teil dieser unangenehmen Eigenschaften können durch verschiedene Modifikationen abgeschwächt werden. Silikat-modifizierte-Alkydharze bieten eine widerstandsfähigere Oberfläche. In diese Gruppe gehört beispielsweise der Toplac von International. Dieser Lack ist speziell für die Bedürfnisse des Laien formuliert. Er wird mit dem Pinsel verarbeitet und kann nicht gespritzt werden. Eine andere Gruppe stellen die Mono-Urethan Lacke dar. Manche Hersteller sprechen auch von einkomponentigem Polyurethanlack. Das sind Alkydharze, deren Haltbarkeit durch Urethan-Modifikation gesteigert werden konnte. Diese Anstriche härten, nach dem das Lösungsmittel verdunstet ist, chemisch nach. Der Reaktionspartner ist dabei die Luftfeuchtigkeit. Lacke, die durch chemische Reaktion härten, haben eine geschlossenere Oberfläche als Anstriche, die nur durch physikalische Verdunstung trocknen. Diese Systeme verschmutzen weniger und besitzen einen höheren Glanzgrad als nicht modifizierte Alkydharze. Von der Verarbeitung her sind sie mit den anderen Einkomponentenlacken zu vergleichen.

PUR-Lacke härten chemisch

Mehrkomponentige Polyurethanlacke bieten das Optimum an Leistung. Sie erreichen eine enorme Haltbarkeit. Wo immer es geht, sollte im Außenbereich ein solches Produkt verwendet werden. Diese hochwertigen, modernen Lacke haben die Nachteile der früheren DD-Lacke, vor allem die Sprödigkeit, längst abgelegt. Das ursprüngliche, harte Polyesterharz wurde ebenfalls mit Polyurethan modifiziert. Man spricht heute zwar immer noch von DD-Lacken, meint aber in Wirklichkeit einen modernen, zweikomponentigen PUR-Lack. In dieser Produktgruppe sind die hochwertigsten und haltbarsten Anstrichsysteme zu finden. Diese übertreffen die einkomponentigen Lacke um ein Vielfaches. Die Nutzungsdauer wird zusätzlich gesteigert, weil diese Lacke problemlos aufpoliert werden können.

Ein kompletter Anstrichaufbau ist in kurzer Zeit möglich, weil ein Zweikomponenten-Produkt nicht durch physikalische Trocknung, sondern durch chemische Reaktion härtet. Diese wird, nachdem das Lösungsmittel relativ schnell abgedampft ist, ausschließlich durch Wärme beeinflusst. Das funktioniert auch bei mehreren Schichten, die in kurzen Zeitabständen aufgetragen werden.

Maximale Haltbarkeit, geschlossene und glatte Oberflächen bei kurzer Bearbeitungsdauer erreicht man, wenn der Untergrund sauber grundiert und gespachtelt wird. Epoxidharz stellt zum Beispiel eine optimale Basis dar. Holzoberflächen werden härter und widerstandsfähiger. Marode Leimfugen werden durch das Epoxi wieder fest. Bei Kunststoffbooten können kleine Schadstellen, wie beispielsweise Haarrisse im Gelcoat, aufgeschliffen und verspachtelt werden.

Auf den Untergrund kommt es an

Allerdings läßt sich ein mehrkomponentiges Anstrichsystem nicht überall verwenden. Konventionell gebaute Massivholzboote arbeiten sehr stark. Hier ist das Zweikomponentige-System zu wenig flexibel und es kann zu Spannungsrissen führen. Allerdings sollte niemand glauben, daß ein Einkomponentensystem alle Spannungen ausgleicht. Dies wird noch am ehesten von so genannten langöligen Lacken erreicht. Das sind relativ elastische Anstriche mit einem hohen Fettsäure-Gehalt. Wenn ein Einkomponenten-Lack bereits auf dem Boot verwendet wurde, kann dieser nicht mit einem Reaktionsharzlack überstrichen werden. Dafür muß der alte Anstrich komplett entfernt werden. Woher weiß ich jetzt aber als Eigner eines gebrauchten Bootes, was der Vorbesitzer alles auf sein Vehikel gestrichen hat? Oft begegnet man bei solchen Gelegenheiten einem repräsentativen Querschnitt durch die europäische Nachkriegs-Lackchemie.

Einkomponentenlacke reagieren auf Lösungsmittel

Ein Lappen, der mit Aceton getränkt wurde, wird auf den unbekannten Anstrich gelegt. Alufolie verhindert das vorzeitige Verdampfen des Lösungsmittels. Nach spätestens einer halben Stunde wird ein einkomponentiger Anstrich deutliche Blasen werfen und sich vom Untergrund lösen. Das Wichtigste bei einer guten Lackierung ist immer die Vorbereitung. Die Endlackierung kann niemals glatter als der Untergrund werden. Deshalb ist schleifen angesagt. Das ist oft recht mühsam, stellt aber die unbedingte Voraussetzung für ein gelungenes Werk dar. Man kann sich diese Arbeit erleichtern, indem man hochwertige Schleifmittel verwendet. Für den trockenen Lackschliff mit abgesaugten Maschinen hat sich das graue Schleifpapier bewährt. Die Körner bestehen aus Aluminiumoxid und sind offen gestreut. Beim Handschliff, vor allem mit feineren Körnungen, ergibt Naßschleifen ein besseres Ergebnis. Nebenbei entsteht kein Schleifstaub, weshalb das auch unter physiologischen Aspekten die bessere Lösung ist.

Lösungsmittel und Verdünnungen

Welche Lösungsmittel verwende ich für welchen Lack? Zunächst sind die Herstellerangaben bindend. Wenn man nicht gerade ambitionierter Hobby-Chemiker ist, sollte man das Lösungsmittel aus dem gleichen Haus verwenden, aus dem auch der Lack kommt. Gerade bei Reaktionsharzen müssen die Verarbeitungsvorschriften penibel eingehalten werden. Die gewählte Applikationsform spielt ebenfalls eine Rolle. Zum Spritzen müssen andere Verdünnungen verwendet werden als zum Streichen oder Rollen. Das kommt aber für den privaten Verarbeiter weniger in Frage, weil er kaum über die notwendige Ausrüstung für eine gelungene Spritzlackierung verfügt. Herkömmliche Alkydharzlacke können zum Streichen und Rollen mit Terpentin-Ersatz oder Owatrol-Öl, zum Spritzen mit Kunstharzverdünnung eingestellt werden. Nitro-Verdünnung liefert keine guten Ergebnisse, da sich diese zu schnell verflüchtigt. Der Lack hat nicht genügend Zeit, um sauber zu verlaufen.

Grundierungen und Vorstreichfarben

Weil eine Lackierung nicht glatter werden kann als der Untergrund, auf den sie appliziert wird, muß dieser sauber gespachtelt und geschliffen werden. Selbst der kleinste Kratzer wird in einer hoch glänzenden Oberfläche zu sehen sein. Je dunkler die Farbe, umso deutlicher. Mit welchen Mitteln ein Anstrichaufbau erfolgen soll, wird in den zahlreichen Broschüren der Lackhersteller erklärt. Aber wozu dient die Vorstreichfarbe?

Das ist ein Lack, der sehr stark pigmentiert ist. Auch sind die Fülleigenschaften optimiert. Auf den Glanzgrad kommt es da nicht an. Es geht darum, eine gut deckende Farbschicht auf die Fläche zu bringen, damit beispielsweise andersfarbige Spachtelmasse nicht mehr durch die Lackierung scheint. Manche Hersteller mischen in ihre Decklacke, speziell bei Reaktionsharzlacken, relativ wenig Pigmente, um den Glanzgrad und somit die Nutzungsdauer zu erhöhen. Mit so einem Lack kann man keine Farbunterschiede im Untergrund überdecken. Zumindest wäre das unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht sinnvoll. Man spart kein Geld, wenn man auf den Vorlack verzichtet. Das Gegenteil ist der Fall. Mit der relativ billigen Vorstreichfarbe erspart man sich etliche Schichten eines teuren Schlußlacks.


Rutschfeste Additive

Soll die Oberfläche rutschfest strukturiert werden, kann ein spezielles Substrat unter den Lack gemischt werden. Das hat nichts mit dem althergebrachten Quarzsand zu tun. Moderne Produkte bestehen meist aus einem Kunststoffgranulat, das einerseits griffig ist aber andererseits Bekleidung und Knie schont. Auch fertig gemischte, rutschfeste Lacke sind im Handel. Wie auch immer, wenn eine Lackierung gelingen soll, sind kompetente Beratung, Erfahrung und entsprechende Umweltbedingungen erforderlich. Ansonsten wird das Ergebnis unbefriedigend ausfallen.

Im Bereich der Yachtlacke sind nur hochwertige Produkte auf dem Markt. Für welchen Hersteller man sich entscheidet, hängt hauptsächlich von der subjektiven Erfahrung ab. Man muß die Eigenheiten eines Produkts kennen. Auch die lieferbaren Farbtöne können ein Argument sein. Eine Klarlackschicht kann eine farbige Lackierung nicht nur optisch zusätzlich aufwerten, sondern auch die Haltbarkeit verlängern. Ein weiterer Vorteil ergibt sich dadurch, daß bei mehrfarbigen Oberflächen die Übergänge abgedeckt werden können.