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Basiswissen: Bauchig und flach

Radolfzell, 15.09.2013
Michael Häßler

Viele reden über Seemannschaft, dem „Handwerk, mit einem Boot umzugehen“. Die IBN greift in einer Serie Grundlagenwissen auf.

Die Profiltiefe des Vorsegels wird mit dem Durchhang des Vorstags eingestellt. Die Profiltiefe des Großsegels mit der Mastbiegung. Die jeweiligen Profiltiefen sind das „Getriebe“ des Segelboots. Tiefe Profile für Kraft in der Welle und flache Profile für Höhe und wenig Krängung. Unterhalb des vom Konstrukteur festgelegten „Designwinds“ wird das Rigg „aufgepowert“ und oberhalb „abgepowert“.
So weit funktioniert das bei jedem Boot gleich und die Ergebnisse sollten, unabhängig vom Riggtyp, die selben sein.
Der Weg zum Ziel kann aber sehr verschieden sein und bei manchen Booten hat man von vornherein nicht viele Möglichkeiten. Ein Mast in Chartermanier, in den sich das Großsegel rollen lässt, kann nicht gebogen werden. Ein Segel, das rollbar sein soll, kann der Segelmacher nicht profilieren. Diese Technik funktioniert also nur im Hafen wunderbar, während beim Vortrieb Abstriche in Kauf genommen werden müssen.
Fangen wir aber beim Vorsegel an: Beim Topprigg greift das Vorstag im Masttopp an. Spannen wir das Achterstag, ziehen wir den Masttopp nach hinten und den vom Segelmacher berücksichtigten Durchhang aus dem Vorstag. Das Segel wird flacher. Umgekehrt wird das Vorsegel bauchiger, wenn das Achterstag gelöst wird. Zwar treten im vorderen Bereich der Fock die größen Vortriebskräfte auf und Trimmmaßnahmen machen sich hier am effektivsten bemerkbar, trotzdem hat der Großsegeltrimm einen entscheidenden Einfluss auf die Segelleistungen. Das Großsegel beschleunigt die Leeströmung der Fock und hat durch die damit zusammenhängende Verschiebung der Staulinie einen großen Einfluss auf die Höhe am Wind. Andererseits erzeugt das Großsegel Krängungskräfte, die sich negativ auswirken. Sich ändernde Wind- und Wellenverhältnisse verlangen also nach unterschiedlichen Großsegelprofilen, dessen Einstellmöglichkeiten im Idealfall unabhängig vom Vorsegeltrimm sind.
Das hängt von der Position der Wanten und dem Pfeilungswinkel der Saling ab. Verlaufen die Wanten parallel zum Mast und steht dieser an Deck, wird er mit zunehmendem Achterstagzug einfach etwas nach hinten kippen. Das Vorsegel wird flacher und das Großsegel behält sein Profil. Ist der Mast in Salinghöhe durch ein vorderes und ein achteres Unterwantenpaar „eingespannt“, wird der Mast durch Achterstagzug gebogen und das Großsegel wird etwas flacher. Einen ähnlichen Effekt erreicht man mit einem verstellbaren „Babystag“, das von der Salinghöhe nach vorne auf das Deck reicht und auf IOR-Konstruktionen der 70er-Jahre üblich war.
Später kamen 7/8-tel getakelte Boote in Mode, bei denen das Achterstag kaum Einfluss auf die Vorstagspannung hat und im Prinzip nur den Mast biegt. Die Kontrolle des Vorstags übernimmt ausschließlich das Backstag. Somit sind die Aufgaben der beiden Drähte klar getrennt. Daneben findet man bei fragilen Regattariggs oftmals Unterback­stagen, die dem Achterstagzug entgegenwirken und dünne Mastprofile in der Welle zusätzlich stabilisieren. Solche Riggs lassen sich sehr exakt auf verschiedens­te Verhältnisse einstellen, ohne dass Kompromisse geschlossen werden müssen.
Backstagen kamen anfangs der 90er-Jahre aus der Mode, als Werften und Konstrukteure begannen, auch größere Kielboote mit „Jollenriggs“ auszurüsten. Dies sind 7/8-tel Riggs, bei denen der Vorstagzug in nach achtern versetzte Wanten geleitet und über gepfeilte Salinge in die Rumpfstruktur geführt wird. Von Vorteil ist, dass bei Manövern keine Backstagen bedient werden müssen.  Nachteilig sind schwerere Riggs, die deutlich höhere Stauchkräfte verarbeiten müssen, eine durch den hohen Wantenzug aufwändigere Rumpfstruktur und eine, bei größeren Booten, umständliche Trimmtechnik. Ein solches Rigg ist
nur mit einem Drahtvorliek und entsprechend untersetztem Fockfallstrecker zuverlässig zu kontrollieren. Wer dazu eine schwere Rollreffanlage ordert, hat durch entsprechende Massenkräfte in der Welle Schwierigkeiten, das Vorstag unter Kontrolle zu halten. Das funktioniert nur durch brachiale Spannung der Oberwanten und einen knochenharten Rumpf. Da­zu kommt, dass bei einer Trimmänderung die gesamte Verstagung des Riggs neu justiert werden muss, weil jeder Draht vom Zug eines anderen abhängig ist.
Die Nachteile von 7/8-tel Riggs ohne Backstagen wurden von den Konstrukteuren erkannt und sie besannen sich auf die früher üblichen, gut handhabbaren Topp­riggs. Allerdings sitzt das Vorstag jetzt etwas tiefer als das Achterstag, so dass nicht nur die Oberwanten den Gegenzug zum Vorstag darstellen, sondern auch das Achterstag. Nach wie vor erfordert ein solches Rigg aber gewaltige Spannungen in den Wanten, die vom Rumpf erst einmal verarbeitet werden müssen. Nur mit modernen Materialien und Baumethoden sind solche Riggspannungen realisierbar. Auch für die Segel kommen nur Ausführungen mit geringstem Reck in Frage, weil die Verstellwege im Rigg klein sind.
Ein solches Rigg verlangt nach Segelmaterial, das in jeder Situation sein Profil behält.


Klare Aufgabenteilung: Die Wanten verhalten sich neutral und halten den Mast nur seitlich. Die Backstagen kontrollieren den Vorstagdurchhang und das Achterstag die Mastbiegung. Foto:Michael Häßler