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Sicher fest

Radolfzell, 14.09.2013
Michael Häßler

„Als Festmacher wird’s die alte Fockschot wohl noch tun“. Wer so denkt, spart kein Geld, sondern riskiert ernst­hafte Schäden an seinem Boot, und auch an fremdem Eigentum.

Diese, eigentlich profane Weisheit, sollte den Wassersportanfängern gleich in der ersten Unterrichtseinheit über „Seemannschaft“ vermittelt werden, gehört sie doch zu den grundlegensten Dingen.
Sieht man sich in den Häfen am See aber mal genauer um, trifft man nicht nur auf allerlei kreatives aber harmloses?Knüpfwerk, sondern auch auf Dinge, die kaum zu tolerieren sind. Jedes Boot, das sich vom Liegeplatz losreißt, gefährdet automatisch auch andere Boote.
Eine Schot, wie sie zum Trimm der Segel verwendet wird, darf möglichst überhaupt keine Dehnung aufweisen. Damit scheidet sie als Festmacher definitiv von vornherein aus.
Ein solches, nicht vorhandenes Dehnungsverhalten ist katastrophal, wenn das Boot an der Kaimauer oder am Pfahl festgemacht ist und eine Welle durch die Steganlage läuft. Die Bewegungsenergie, die das Boot dabei aufnimmt, wird abrupt gestoppt, sobald die Leine auf Zug kommt. Dabei können Klüsen, Poller oder Klampen mitsamt ihren Schrauben problemlos aus dem Deck gerissen werden.
Das Boot muss also möglichst elastisch vertäut werden, damit der Abbau der Bewegungsenergie über einen möglichst langen „Federweg“ geschehen kann.
Festmachermaterial
Der Materialreck selbst ist dabei durchaus ein Faktor, der sich aber erst dann auswirkt, wenn die einzelne Faser gestreckt ist. Er macht sich erst bei hohen Belas­tungen, beziehungsweise in der Endphase des Dehnungsvorgangs bemerkbar, wenn der konstruktive Reck bereits aus dem Tau herausgezogen wurde.
Nylon (Polyamid) ist beispielsweise ein sehr dehnbares Material, das sich aufgrund dessen hervorragend für Festmacher eignet. Es ist aber relativ UV-empfindlich und wenig Abriebfest, was den Einsatz nur als Kernmaterial für Taukonstruktionen mit Mantel empfiehlt.
Polyester ist deutlich weniger dehnbar als Nylon, aber deutlich robuster. Es dürfte für die meisten Anwendungsfälle das bevorzugte Material sein, insbesondere dann, wenn einfaches, geschlagenes Tauwerk verwendet werden soll.
Machart
Neben den Materialwerten selbst, spielt vor allem die Machart des Tauwerks die entscheidende Rolle. Traditionell geschlagene Leinen, deren Garne zum Kardeel gedreht und die Kardeele in die andere Richtung zum Tau gedreht wurden, eignen sich schon deshalb hervorragend als Festmacher, weil sie aufgrund ihrer Konstruktion sehr hohe Dehnungswerte besitzen und sich darüber hinaus einfach spleißen lassen.
Geflochtenes Festmachertauwerk erreicht nicht ganz die hohen Dehnungswerte von geschlagenem Tauwerk. Es ist außerdem teurer und lässt sich nicht so einfach spleißen. Die Vorteile liegen in der gegenüber Abrieb schützenden Kern-Mantelkonstruktion und in der Handhabung. Das Material kinkt nicht. Letzteres relativiert sich aber, wenn qualitativ hochwertige, geschlagene Leinen verwendet werden. Die Kinkneigung ist vor allem bei minderwertigem und älterem, geschlagenem Tauwerk gegeben.
Auch Quadratgeflechte kinken nicht und lassen sich angenehm handhaben. Sie eignen sich aufgrund ihrer hohen Dehnungswerte ebenfalls hervorragend als Festmacher und lassen sich einfach spleißen. Ein weiterer Vorteil von Quadratgeflechten ist ihre Geschmeidigkeit. Sie können, beispielsweise im Ankerkasten oder der Backskiste, auf viel weniger Raum gestaut werden als dreischäftiges Tauwerk. Nachteilig ist der etwa doppelt so hohe Preis gegenüber dreischäftigem Tauwerk.
Länge der Festmacher
Die Flexibilität einer Leine wird physikalisch durch deren Bruchdehnung ausgedrückt, die in Prozent angegeben wird. Eine Bruchdehnung von zehn Prozent bedeutet, dass ein Meter dieser Leine sich um zehn Zentimeter dehnen kann, bevor sie reißt. Zwei Meter derselben Leine können sich schon um zwanzig Zentimeter dehnen und fünf Meter um einen halben Meter. Auf das Boot, das mit der zwei Meter langen Leine festgemacht ist, wirkt nur die halbe Kraft beim Einrucken als auf das- selbe Boot, das mit der ein Meter langen Leine festgemacht ist.
Die Leinenlänge ist also ausschlaggebend für schonendes Liegen am Steg und sollte im Idealfall so lang wie möglich sein. Das kommt nicht nur der Sicherheit zugute, sondern auch dem Komfort, wenn man beispielsweise auf dem Boot übernachtet. Ruckt dieses in einer stürmischen Nacht permant ein und wird abrupt abgestoppt, ist das nicht nur Materialbelastend, sondern es ist auch an geruhsamen Schlaf nicht zu denken.
Ebenso verhält es sich, wenn die Leinen an Klüse oder Klampe die ganze Nacht knarzen und sich das Geräusch unter Deck fortsetzt.
Mit zwei kurzen Leinen vorne und zwei kurzen Leinen hinten ist das Repertoire für korrektes Festmachen noch lange nicht erschöpft. Um große Leinenlänge zu erhalten darf man ruhig auch etwas kreativ sein.
Kurze Leinen vermeiden
Ist das Boot beispielsweise nahezu gleich lang wie die Box, werden die Leinen nicht direkt vom Pfahl auf die Klampen geführt, sondern über Kreuz. Damit vergrößert sich deren gespannte Länge schon um mindestens die Bootsbreite. An einem sehr unruhigen Liegeplatz ist es sogar denkbar, die von den Pfählen kommenden Leinen am landseitigen Ende des Bootes festzumachen und umgekehrt. Diese Leinen halten dann nur die Längskräfte. Die Querkräfte werden dann durch separate Leinen aufgenommen, die ebenfalls möglichst lang gestreckt sein sollen.
Auch Kombinationen aus überkreuzten Leinen, die das Boot nur Querschiffs in der Box halten und einer oder mehreren langen, elastischen Springleinen sind denkbar.

Sinnvolle Ausrüstung
Eine sinnvolle Ausrüstung mit Festmachern, nach der persönlichen Erfahrung des Autors, besteht aus vier Leinen von etwa der eineinhalbfachen Bootslänge. Kurze Boote um sieben bis acht Meter Länge sollten für zwei der vier Leinen mindestens die doppelte Bootslänge wählen, weil man auch mal einen Liegeplatz erwischen kann, der für ein deutlich größeres Boot dimensioniert ist oder bei einem dicken Holzpfahl schon einige Meter Leine für den Webleinstek gebraucht werden.
Daneben sollte man noch zwei längere „Reserve-Leinen“ von etwa 25 bis 30 Metern dabei haben, mit denen man das Boot, beispielsweise beim Päckchenliegen in einem stürmischen Hafen sichern kann. Diese Leinen kann man auch mal als Schleppleine verwenden oder um das Ankergeschirr zu verlängern. Bei kleinen Booten können sie eventuell eine Nummer dünner gewählt werden als die regulären Festmacher, weil durch ihre absolute Länge die Lastspitzen reduziert werden. Benötigt man nur ein kürzere Strecke, kann die Leine „auf Slip“, also doppelt verwendet werden, wodurch auch ihre Bruchlast verdoppelt wird.
Die Leinendicke der Festmacher richtet sich nach der Bruchlast, die erfahrungsgemäß etwa dem Bootsgewicht entsprechen sollte. Leinen unter zehn Millimetern Durchmesser lassen sich in der Praxis kaum handhaben und sollten nie verwendet werden. Außerdem sind dünne Leinen schneller durchgescheuert.
Belegen
Knoten und scharfe Knicke schwächen eine Leine. Deswegen spielt es auch eine Rolle, wo und wie man die Leine belegt. Befestigt man sie um einen Pfahl, wird die Last auf eine viel größere Länge verteilt, als wenn die Leine um einen Ring von vielleicht acht oder zehn Millimetern Materialdurchmesser „geknickt“ wird. Gibt es keine Alternative zum Ring, ist ein Roringstek mit seinen zwei Wicklungen um Ring und Tauwerk besser als ein Palstek oder ein Tau auf Slip, das auf einer nur kleinen Fläche am Metall aufliegt. Auch wenn es beim Manöver selbst schnell gehen muss, hat man nach dem Aufklaren des Boots Gelegenheit, die Vertäuung zu überprüfen und zu optimieren. Gerade wenn schlechtes Wetter zu erwarten ist, sind hier keine Kompromisse erlaubt.
Der Standardknoten am Pfahl ist der Webleinstek mit zwei halben Schlägen. Normalerweise hält dieser zuverlässig. Bei Schwell im Hafen oder bei neuem, noch glattem Tauwerk, ist es sicherer, wenn man den Webleinstek mit einem Palstek sichert. Das ist zwar umständlich, aber sicherer.
In den Marinas an der Ostsee sind die Pfähle oft mit einem Haken versehen, der verhindert, dass das Tauwerk weiter als bis zu einem bestimmten Punkt nach unten rutscht. Dann legen die Segler und Motorbootfahrer oftmals nur die Schlaufe eines Palsteks über den Pfahl. Am Bodensee geht das schon wegen der wechselnden Wasserstände nicht und wer den „Palstek-Trick“ anwendet, kann sein blaues Wunder erleben. Rutscht die Schlaufe nach unten, bekneift sie sich an dem rauen Pfahl und ist nur mit viel Gefummel wieder zu lösen.
Ankerleinen
Für Ankerleinen gilt im Wesentlichen dasselbe wie für Festmacher. Sie müssen möglichst elastisch sein. Hier kommen sowohl dreischäftig geschlagene Leinen zum Einsatz als auch Quadratgeflechte. Letztere vor allem bei wenig Platz im Ankerkas­ten oder wenn man auf eine gute Griffigkeit großen Wert legt. Ein Kettenvorlauf hält den Zugwinkel auf den Anker flach und ist Unempfindlich gegen Abrieb am Seegrund. Auch hier gilt: Je länger die Leine, umso besser werden Lastspitzen eliminiert und die Impulskräfte auf Anker und Boot zeitlich verteilt. Auch neigt das Boot an einer langen Leine weniger zum schwojen, was die Kräfte auf den Anker zusätzlich reduziert.
Neben dieser klassischen Kombination aus Leine und Kette, gibt es auch spezielle Ankerleinen mit Bleieinlage. Diese ersetzen den Kettenvorlauf aber nicht, weil sie dem Abrieb auf dem Seegrund wenig entgegenzu-
setzen haben.
Schleppleinen
Auch Schleppleinen müssen dehnbar sein, um Lasten dämpfen zu können. Die Länge beträgt mindestens eine, besser mehrere Wellenperioden. Das heißt, dass sowohl Schlepper als auch geschlepptes Boot sich immer am selben Punkt auf einer Welle befinden müssen. Nur so verhindert man, dass die Leine abwechselnd durchhängt und wieder einruckt. Schleppleinen, die schwimmen, sind bei Manövern weniger gefährdet, in den Propeller zu geraten.


Zwei Festmacherleinen verschiedener Machart. Die obere, blau/weiße Leine ist geflochten. Sie ist nicht ganz so dehnbar wie die untere, dreischäftig geschlagene Leine, dafür hat sie eine Reihe anderer Vorteile. Die obere Leine ist mit einem Rundtörn und einem Palstek belegt. Durch den Rundtörn verteilt sich der Kontakt zwischen Leine und Eisenring auf eine größere Fläche, als wenn sie nur einmal durch den Ring gezogen würde. Noch schonender für das Tauwerk ist es, die Leine mit einem Roringstek zu belegen, wie das im Fall der weißen Leine geschehen ist. Foto:Michael Häßler