Osmose oder nicht ?

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Osmose, Schreckgespenst eines jeden Bootseigners. Der griffige Name "GfK-Pest" soll auf die dramatischen Auswirkungen dieses Vorgangs hinweisen. Echte Gefahr oder marktfreundliche Übertreibung?

Im Gegensatz zu Epoxidharzen sind Polyesterharze nicht ganz diffusionsdicht. Es wird also, je nach Güte des Materials, mehr oder weniger Wasserdampf ins Laminat gelangen. Das allein ist noch nicht tragisch. Kommt der Dampf aber in einen Hohlraum, kondensiert er dort. Flüssiges Wasser passt nicht mehr zwischen den Molekülen des Polyesters durch und ist in der Luftblase "gefangen". Dort sind wasserlösliche Restsubstanzen von Harz, Härter und Bindemittel. Entsprechend den Naturgesetzen sind verschieden dichte Lösungen um Ausgleich bemüht.

Es wird also immer mehr Wasser von außen nachgezogen um die Lösung zu verdünnen. Das Volumen der eingeschlossenen Lösung nimmt zu und es entsteht die gefürchtete Blase unter dem Gelcoat. Ein sorgfältig laminiertes Boot ohne Lufteinschlüsse ist deshalb relativ unempfindlich gegenüber Osmose. Das ist, außer dem geringeren Gewicht, der große Vorteil eines unter Vakuum entlüfteten Bauteils. Blasen unter dem Gelcoat vermindern die Festigkeit des Rumpfes noch nicht, machen aber den Weg in die tieferen Schichten für das Wasser frei. Wenn dann ein osmotischer Prozess zwischen den Laminatschichten stattfindet, kann der Druck dort bis auf fünf Atmosphären ansteigen und die Glaslagen langsam von einander lösen.

Wie beugt man Osmose vor
Ein weiteres Kriterium für  Osmoseanfälligkeit ist der verwendete Harztyp und der Laminataufbau. In der Anfangszeit des Polyesterbaus verwendete Orthophtalsäureharze werden deshalb nur noch für die Innenlagen verwendet. Verschiedene Harztypen unterscheiden sich, ausser in ihrer Barrierewirkung gegenüber Wasserdampf, auch in ihrer Anfälligkeit für Hydrolyse. Darunter versteht man die Spaltung von Molekülen unter Wassereinfluss. Mittlerweile verwendet man für die beiden äußeren Mattenlagen und für den Gelcoat beständigere Harztypen. Isophtalsäureharze gehören dazu oder die noch hochwertigeren Neopentylglykol-Isophtalsäureharze, die sich durch eine hohe Bruchdehnung auszeichnen. Vinylesterharze sind Epoxide, die aber, wie Polyester, durch eine Esterbindung vernetzen. Diese Harze haben ähnliche Eigenschaften wie Epoxi, lassen sich aber wie Polyesterharz verarbeiten.

Die beste, aber auch teuerste Lösung ist es, wenn gleich mit Epoxi laminiert wird. Dann geht den Eigner das Thema Osmose nichts mehr an. Doch nicht nur das Material ist teurer als Polyester, auch dessen Verarbeitung ist wesentlich aufwändiger. Im Prinzip werden nur Rennboote aus Epoxi gefertigt. Einen Epoxirumpf wird man nämlich kaum “weichsegeln³ können, weil dieses Material enorm hohe Lastwechselraten verkraftet ohne an Festigkeit zu verlieren. Der Eigner sollte sich also vor dem Kauf eines Bootes über dessen Laminataufbau informieren, erst dann kann er verschiedene Angebote vergleichen. Das Harzsystem muss zum Verwendungszweck des Bootes passen. Da gibt es gewaltige Unterschiede. Wichtigstes Kriterium ist die Wassertemperatur und dessen Dichte. Ein Laminat, das in kalten nordischen Küstengewässern ausreichende Hydrolysefestigkeit aufweist, kann im Mittelmeer oder im salzlosen Bodensee versagen. Ein anderes Kriterium ist auch, ob das Boot das ganze Jahr über im Wasser bleibt, oder ob es an Land überwintert. Die Winterluft trocknet das Laminat und nimmt den Druck von eventuellen Wassereinschlüssen.

Konstruktiver Osmoseschutz
Ein Boot kann allerdings  nicht nur von außen Osmose bekommen, sondern auch von innen. Darum ist es wichtig, dass die Bilge immer trocken ist. Eigner von Booten mit Innenschale können das schlecht kontrollieren. Die Feuchtigkeit wird in dem Zwischenraum kondensieren und abtropfen. Innenschalen müssen daher ausreichend hinterlüftet und mit entsprechenden Speigatten und Inspektionsluken ausgerüstet sein. Auf keinen Fall darf sich das Kondenswasser an irgend welchen horizontalen Hindernissen wie Sicken, Klebefugen oder sonstigen Stellen sammeln. Es muss ungehindert an die tiefste Stelle laufen und dort entfernt werden können. Im Idealfall wird die Feuchtigkeit durch Konvektion abtransportiert. Das geht jedoch nur, wenn oben und unten ausreichend Öffnungen angebracht sind. Ausgeschäumte Hohlräume können problematisch werden, wenn dort Wasserdampf kondensiert.

Dampfsperre aus Epoxi
Je mehr dieser potentiellen Gefährdungen bestehen, um so wichtiger wird eine zuverlässige Dampfsperre zwischen Gelcoat und Antifouling. Weil man nicht ins Laminat hinein sehen kann, sollte man diese generell anbringen. Eine ausreichend dicke Epoxischicht muss ein Stück über die Wasserlinie hinauf ragen, weil bei Booten mit langen Überhängen oder einer flachen Kimm auch die Bereiche knapp über der Wasserlinie permanent mit Wasserdampf belastet sind. Je höher die Temperatur, umso mehr Wasser verdunstet. Gerade Boote mit lang auslaufenden Yachthecks, wie H-Boot oder Schärenkreuzer sind da besonders gefährdet. Auch moderne Gleitboote mit flachem U-Spant haben Hecks, die ein paar Zentimeter über dem Wasser fast waagrecht nach hinten verlaufen. Bei Motorbooten, deren Badeplattform knapp über der Wasseroberfläche liegt, kann es sinnvoll sein, diese von unten mit Epoxi zu beschichten. Während die Aussenseite eines Laminats also möglichst dampfdicht sein muss, sollte die Innenseite dampfdurchlässig sein. Sonst bleibt die Feuchtigkeit darunter eingeschlossen. Auch Verkleidungsmaterialien inclusive des Klebers sollten “atmen³ können, sonst kondensiert das Wasser unter dem Kunstleder. Warme Wassertemperaturen und kalte Luft unterstützen dies. Solange die Bläschen nur zwischen Gelcoat und erster Matte liegen, handelt es sich um einen Mangel, der sich auf kurz oder lang zu einem strukturellen Schaden ausweiten wird.
 
Da braucht man noch nicht in Panik zu verfallen, sondern kann in aller Ruhe die Sanierung für das nächste Jahr planen. Wenn das Boot im Herbst aus dem Wasser kommt, befreit man das Unterwasserschiff vom Antifouling und öffnet die Blasen unter dem Gelcoat. Ein Luftentfeuchter im geschlossenen Bootsinnern beschleunigt die Trocknung. Sind nur einzelne Blasen zu finden, muss man nicht den kompletten Gelcoat entfernen. Es reicht oft aus, wenn man die Blasen mit einem Kegelsenker ausfräst, mit klarem Wasser reinigt und über Winter offen lässt. Sind viele kleine Blasen auf einer begrenzten Fläche, kann man in diesem Bereich das Gelcoat komplett entfernen. Das ist weniger aufwändig, als viele einzelne Bläschen zu öffnen. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte einen Fachmann hinzu ziehen. Wenn das komplette Gelcoat oder vielleicht sogar eine Mattenlage abgenommen werden muss, sind die meisten Eigner sowohl von der Werkzeugausstattung, vom Zeitaufwand und von den Fachkenntnissen her überfordert. Dazu kommt, dass ein Fachbetrieb den Erfolg gewährleisten muss. Das gibt Sicherheit für den Kunden und die Kosten sind eingrenzbar. Wer die Arbeiten selbst erledigen will, beginnt im späten Frühjahr mit dem Aufbau einer neuen Unterwasserbeschichtung.

Zuerst muss geprüft werden, ob das Laminat ausreichend trocken ist. Dafür gibt es elektronische Messgeräte, die man beispielsweise bei der Firma Gradmann in Konstanz mieten kann. Referenzwerte dazu liefert der Überwasserbereich. Eine primitive, aber in der Praxis bewährte Methode ist die Überprüfung der Trocknung. Dazu klebt man an verschiedenen Stellen ein Stück Plastikfolie luftdicht an den Rumpf. Bildet sich nach ein paar Tagen Kondenswasser dahinter, sollte man mit der Beschichtung noch warten. Ist das Laminat trocken, klebt man zuerst den Wasserpass ab. Dann wird das Unterwasserschiff eventuell noch einmal kurz übergeschliffen und gesäubert. Die erste Harzlage sollte, für eine gute Benetzung, gründlich in die Schleifriefen und die ausgefrästen Löcher einmassiert werden. Das geht am besten bei warmer Temperatur und mit einem Pinsel. Die weiteren Lagen kann man dann mit der Rolle aufbringen. Auch sollte man erst ab der zweiten Lage mit Füllstoffen arbeiten, weil die Grundschicht so dünnflüssig wie möglich sein muss.

Arbeitet man mit Fertigprodukten, gilt im Prinzip das gleiche. Die erste Schicht muss dünnflüssig sein, damit sie in die Oberflächenstruktur eindringen kann. Ist die zweite Lage entsprechend belastbar, werden die ausgefrästen Löcher mit angedicktem Epoxi gespachtelt und das Unterwasserschiff mit der empfohlenen Schichtdicke übergestrichen. Dabei soll “nass in nass³ gearbeitet werden.  Man spart sich dadurch den Zwischenschliff und erreicht eine bessere, weil chemische Bindung zwischen den einzelnen Schichten. Wer Wert auf ein absolut glattes Unterwasserschiff legt, kann dieses vor der letzten Epoxilage aushärten lassen und mit dem Schleifbrett sauber straken. Die vom Hersteller empfohlene Schichtdicke muss aber eingehalten werden, bevor das Antifouling aufgetragen wird und das Boot wieder ins Wasser kommt. mh

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