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Wann ist der Lack ab?
Der Winter ist zwar noch in vollem Gange, aber traditionsgemäß fängt man nach der Fasnet mit der Bootsüberholung an. Was da so alles zu tun ist, sollte man sich vielleicht schon vorher überlegen. Man muss Material und Werkzeug besorgen und kann so manches schon vorbereiten, bevor die Temperaturen wieder steigen. Auch die Bootsbauer sind froh, wenn man nicht erst im April, zwei Tage vor dem Krantermin erscheint.
Man beginnt die Bootsbesichtigung im Unterwasserbereich. Sind dort Schadstellen, vielleicht von Grundberührungen, die ausgebessert werden müssen? Das geschieht sinnvollerweise mit Epoxidharz, das nach dem Versiegeln der Fasern etwas mit Quarzmehl angedickt wird. Damit kann man die Schadstelle ausspachteln und schleifen. Wie sieht der Antifoulinganstrich aus? Schimmert irgendwo der Untergrund durch? Besonders belastet sind die Vorderkanten von Kiel und Ruder. Dort sollte mit mindestens zwei Anstrichen punktuell ausgebessert werden, wenn das übrige Unterwasserschiff noch in Ordnung ist. Dünnschichtantifoulings wie das beliebte VC 17 oder ähnliche Produkte müssen nicht unbedingt jedes Jahr neu aufgebracht werden. Die Anstriche wirken, so lange sie in einer gewissen Schichtdicke vorhanden sind. Nicht überall werden sie gleich stark abgenutzt. Ist die erste Antifoulingschicht in einer anderen Farbe gestrichen, hat man einen guten Indikator für die Schichtdicke.
Gelcoat hält nicht ewig
Die Kontrolle des Bootes geht im Überwasserbereich weiter. Ist die Außenhaut noch in Ordnung? Sind Gelcoat- oder Lackschäden vorhanden, die man punktuell ausbessern kann? Muß neu lackiert werden oder geht¹s noch einmal mit Politur? Auch eine qualitativ gute Gelcoatschicht hält nicht ewig. Irgendwann ist Schluß, dann muss man lackieren. Wie lange ein Gelcoat hält, hängt aber von verschiedenen Faktoren ab und kann nicht pauschal gesagt werden. Je nach Anspruch und Pflegeaufwand sollten in unseren Breiten aber fünfzehn bis zwanzig Jahre bei einer weißen Oberfläche drin sein. Dunklere Farben können schon früher unansehnlich werden. Grundsätzlich wird man das Boot mit einer Persenning am besten schützen. Die Polyestermatrix im Gelcoat wird nämlich primär von der Sonnenstrahlung abgebaut. Übrig bleiben lose Pigmente und andere Partikel, die nicht mehr vom Harz eingeschlossen sind.
Die Oberfläche gleicht dann einer Kraterlandschaft. Sie sieht matt aus und verschmutzt schnell. Speziell dunkle Farben bekommen einen hellgrauen Schleier. Mit entsprechenden Schleifpasten und Polituren kann man diese losen Partikel theoretisch so lange abtragen bis die Matten durch schimmern. Die Gelcoatschicht ist also eine Verschleißschicht und wird mit jedem Poliervorgang etwas dünner. Aber trotz Persenning und intensiver Pflege wird ein Boot im Lauf der Zeit unansehnlich. Die ausgebesserten Gelcoatmacken summieren sich und zeichnen sich deutlich ab, weil sich die Reparaturstellen etwas anders als das ursprüngliche Gelcoat verfärben. Der Eigner eines älteren Bootes muss sich also früher oder später mit einer Lackierung auseinander setzen. Dann ist auch der richtige Zeitpunkt gekommen, das Deckslayout und die Beschlagsausrüstung zu modernisieren. Beschläge ersetzen, anders platzieren oder vielleicht Leinen und Strecker in Röhren unter Deck verlegen ist vor einer Lackierung kein Problem.
Wertsteigerung oder Wertminderung?
Eine gelungene Lackierung bedeutet keine Wertminderung. Im Gegenteil. Ein hochwertiger 2-Komponenten-Lack hält viele Jahre. Ein weiterer Vorteil ist der höhere Glanzgrad gegenüber dem stark pigmentierten Gelcoat. Weil der Lack eine feinere Struktur besitzt, hat er auch eine geschlossenere Oberfläche. Ein hochwertiger Lackaufbau besteht aus einem stark pigmentierten Vorlack und einem eher schwach pigmentierten Schlußlack. Perfektionisten legen eine oder mehrere Schichten Klarlack darüber, der gar keine Pigmente enthält und deshalb eine sehr feine Oberflächenstruktur hat. Wer sich selbst ans lackieren wagen will, muss schon einige Erfahrungen gesammelt haben. Große, senkrechte Flächen zu lackieren erfordert einiges mehr an Fertigkeiten als mal eben den Gartenzaun zu pinseln. Eine schlecht lackierte Oberfläche sieht einfach häßlich aus und bedeutet ganz sicher eine Wertminderung des Bootes. Wer sich dabei nicht ganz sicher ist, sollte den Fachmann ran lassen oder das Thema verschieben und noch etwas sparen. Bei der Lackierung muss ein professionelles Ergebnis erzielt werden.
Der Arbeitsplatz
Das größte Problem des Laien ist, außer der mangelnden Fertigkeit und Übung, einen Ort zu finden, an dem genügend Platz und entsprechende klimatische Bedingungen herrschen. Im Freien ist eine gelungene Lackierung kaum realisierbar. Eine weitgehend konstante und zum Lack passende Temperatur ist Vorraussetzung. Weitere Anforderungen sind die unbedingte Abwesenheit von Staub. Da kann man sich behelfen, indem man das Boot in der Winterlagerhalle zusätzlich in ein Zelt aus Plastikfolie einpackt und den Boden wässert, damit abgesunkener Staub dort gebunden wird. Perfektionisten schaffen in diesem Zelt mit einem Gebläse einen leichten Überdruck, damit der Staub draußen bleibt. Allerdings muss die Zuluft für das Gebläse gefiltert werden, sonst befördert man den Staub von draußen nach drinnen. Eine Gefahr stellt auch Tau dar. Dieser entsteht, wenn man die kalte Halle bei Arbeitsbeginn heizt oder das Boot aus dem Freien in die Halle holt und gleich mit der Lackierung anfängt.
Das Boot muss über mehrere Stunden der Hallentemperatur angepasst werden, sonst kann es passieren dass die Luftfeuchtigkeit auf der Außenhaut kondensiert und der Anstrich sich nicht mit dem Untergrund verbindet. Speziell Metallteile wie beispielsweise Kiele sind da besonders kritisch, weil sich diese nur langsam der Temperatur anpassen können. Die vorbereitete und abgesaugte Oberfläche muss vor der Lackierung noch einmal mit einem passenden Lösungsmittel abgewaschen werden, damit eventuelle Verschmutzungen die Haftung nicht beeinflussen. Unmittelbar vor dem Lackauftrag sollte man mit dem "Honigtuch" die Oberfläche noch einmal entstauben. Ein wichtiger Punkt ist auch die Bekleidung des Lackierers. Wer in einem Wollpullover streicht, wird permanent Fuseln auf die Oberfläche verteilen. Am besten zieht man sich einen (neuen) Einweg-Overall aus Tyvek an. Diese Anzüge halten den Staub zurück.
Spritzlackierung nur für den Profi
Der Heimwerker wird mit Rolle und Pinsel das beste Ergebnis erzielen. Für eine Spritzlackierung ist der technische Aufwand deutlich zu groß. Ohne professionelle Ausrüstung geht da nichts. Das "Profi-Druckluftset" aus dem Baumarkt reicht dafür jedenfalls nicht aus. Beim Spritzen ist nämlich, neben den Fertigkeiten und der ständigen Übung, entsprechend aufbereitete Druckluft, eine mehrere hundert Euro teure, hochwertige Spritzpistole und exakt auf Temperatur und Düsengröße eingestellter Lack notwendig. Dazu kommt eine Absauganlage, die nicht nur gesundheitliche Vorteile bringt, sondern vor allem den Spritznebel absaugt bevor sich dieser auf der Oberfläche niederlässt. Selbst professionelle Fahrzeuglackierer sind mit der Bootslackierung oft nicht vertraut, weil die geometrischen Formen bei einem Boot anders als beim Auto sind. Dazu kommen die wesentlich größeren Flächen. Der Spritzlackierer muss sich vorher genau überlegen, welche Flächen er in welcher Reihenfolge lackiert, damit er den Spritznebel nicht auf Partien bläst, deren Beschichtung schon verlaufen und das Lösungsmittel teilweise schon entwichen ist.
Pinsel und Rolle
Laien werden mit einer hochwertigen Schaumstoffwalze die besten Ergebnisse erzielen. Damit sind aber nicht die billigen Einwegwalzen gemeint, sondern die Ausführungen mit Kartonträger, die auf einen Käfighalter gesteckt werden. Lackieren mit der Rolle kann verhältnismäßig schnell erlernt werden, wird aber selten das Ergebnis bringen, das ein routinierter Könner mit dem Pinsel erreicht. Bevor man sich selbst an die Bootslackierung wagt, muss man vorher üben und die Eigenschaften des Lacks kennen lernen. Erst wenn man sich absolut sicher ist, eine einwandfreie, spiegelglatte Oberfläche "zaubern" zu können, darf man ein solches Projekt angehen. Ansonsten muss man die Finger davon lassen oder zumindest für die Endlackierung einen Profi beauftragen.
Eigenarbeit senkt die Kosten
Wenn ein Profi alle Arbeiten erledigen soll, kostet das "eine Stange Geld". Gerade der Aufwand am Deck mit seiner oft komplexen Formgebung ist enorm. Maschinell kann nur dort geschliffen werden, wo weitgehend plane Flächen sind. Rundungen oder sogar Hohlkehlen sind Handarbeit. Da laufen viele Arbeitsstunden auf, die im Vorfeld nur sehr grob kalkuliert werden können. Gerade diese Vorarbeit muss aber mit äußerster Präzision und Sorgfalt erledigt werden, denn eine lackierte Fläche wird nie besser als deren Untergrund sein können. Nachlässigkeiten addieren sich. Hochwertige 2-Komponenten-Lacke sind niedrigviskos und nicht mit den vergleichsweise zähen 1-Komponenten Produkten zu vergleichen. Der Lack fließt in die feinste Ritze und verankert sich darin. Wenn das Lösungsmittel abdunstet verringert sich das Volumen der Lackschicht und feinste Schleifspuren bis zu einer Körnung von etwa 400 können sich in der ausgehärteten Oberfläche noch abzeichnen.
Damit wird klar, welcher Aufwand an Vorbereitung getrieben werden muss. Speziell Klarlacke sind hier besonders empfindlich. Die großen finanziellen Posten bei einer Bootslackierung sind deshalb die Vorbereitungsarbeiten und nicht das Lackieren selbst. Wer hier mit anpackt, kann viel Geld sparen. Für Montage und Demontage der Beschläge muss auch ein Profi bei einer mittleren Bootsgröße mindestens zwei Tage einplanen. Selbst ausgeführte Spachtelarbeiten oder der grobe Schliff vor der Grundierung sparen ebenfalls viel Geld. Man muss aber seine finanziellen Möglichkeiten und die eigenen handwerklichen Fähigkeiten genau einschätzen, sonst kann aus dem Abenteuer "Neulackierung" ein endloses und schließlich teures Fiasko werden. mh
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