Einblick in die Zukunft des Sees

Editorial IBN 2010/11

11.11.2010 von Hans-Dieter Möhlhenrich

Der Bodensee ist der am besten erforschte See! Das ist eine laxe Aussage, die man seit Jahren immer wieder von Politik, Gewässerschützern und Wasserwerkern zu hören bekommt, wenn es um den Zustand des Bodensee und unser Wissen darüber geht. Was wie eine qualitative Aussage daher kommt, scheint in der Realität allerdings eher eine quantitative zu sein: Denn richtig ist, dass es wahrscheinlich weltweit kaum einen weiteren See gibt, der mehr Wissenschaftler beschäftigt, über den mehr Daten gesammelt wurden und werden und über den mehr Forschungsergebnisse vorliegen, als über den Bodensee.

Doch was wissen wir tatsächlich über den See?

Die Wissens- und Faktenanhäufung über den Bodensee liegt in der Natur der Sache, sprich den günstigen Umständen für die Limnologie, die „Seenforschung“, am Bodensee, die hier schon lange einen Schwerpunkt hat: Bereits im 19. Jahrhundert erschienen erste Forschungarbeiten,  sehr früh, Anfang der 20er Jahre nahm in Konstanz eine „Anstalt für die Erforschung der Biologie des Bodensees“ die Arbeit auf und die Bestrebungen, in Langenargen ein seen- und fischereiwissenschaftliches Institut zu gründen, waren  1920  ebenfalls vom Erfolg gekrönt: In einer ehemaligen Seidenspinnerei  wurde der Vorläufer des limnologischen Instituts eröffnet.  Als weiteres Zentrum der Seenforschung  entstand 1970 in Konstanz das Limnologische Institut, das heute der Uni Konstanz angeschlossen ist. Es wird also schon lange am und über den Bodensee geforscht. Doch trotz dieser geballten Forschungskompetenz gibt der See seine Geheimnisse nur scheibchenweise preis und ist in seinen komplexen ökologischen Zusammenhängen immer wieder für eine Überraschung gut. Zudem war das, was erforscht wurde über Jahrzehnte nicht immer zweckfrei, denn die Forschung hing häufig am Gängelband der Politik. Die Politik gab die Richtung vor, was wie und wo zu erforschen sei und gab sich nur zu gern mit ihr genehmen Hypothesen zufrieden, die sie politisch Einsetzen konnte.

Stichworte:?

Flachwasserzone oder angebliche Seegrundverschmutzungen durch Bootsmotoren. Und wie häufig in solchen Fällen, wenn nicht das Gesamte im Blickfeld steht und das Ergebniss vor allem bestimmten Interessen dient, kommt dabei manche Fehlinterpretation und Fehlentwick-lung heraus.Vieles was aus dieser Zeit einmal als unumstößlich galt, musste gerade in den letzten Jahren bei genauerem Hinsehen reviediert werden. Der See verändert sich zuden weiterhin beständigt, nicht zuletzt oder gerade durch die regulierenden Eingriffe des Menschen. Ein Beispiel ist die Phosphorbegrenzung: Wir alle wissen, mit welch  großem Aufwand man die eingeleiteten Abwässer in den See seit Jahren  reinigt  und unser Gewässer damit vor dem Umkippen bewahrt. Der Erfolg läßt sich glasklar im Rückgang der Phosphatbelastung des Wassers ablesen. Heute ist die Phosportbelastung, die einmal in den 70erJahren bei über 90 mP/m3 auf um die 6 mP/m3 gesunken. Und der niedere Wert wird durchaus unterschiedlich interpretiert: Gut sei das, betonen die Wasserwerker. Andere melden Bedenken an, darunter Forscher aus dem Bereich der Fischerei (siehe unseren Bericht ab Seite 10). Denn nicht nur den Fischen scheint das „zu saubere“ Wasser zunehmend Probleme zu bereiten. Auch manche Pflanzen gehen ein und verschwinden aus dem Artenbestand des Sees. Die Anpassung an die neuen, supersauberen Verhältnisse gelingt nicht jedem Seebewohner. Das klare Wasser wird zum Auslesekriterium. Und bringt mit Sicherheit weitere Veränderungen. Die Erforschung des Ökosystem Bodensees bleibt also ein weites Feld. Denn eine nachhaltige Nutzung und ein sinnvoller Schutz setzen ein elementares Verständnis des Gewässers voraus. Fakten allein, und sind sie noch so zahlreich, reichen dazu nicht aus. Komplexe wissenschaftliche Modelle sind es heute, mit denen Forscher einen Blick in die Zukunft des Bodensees und seiner weiteren Entwicklung werfen wollen.