Ich sehe was, was du nicht siehst

Editorial IBN 2010/08

15.08.2010 von Hans-Dieter Möhlhenrich

Was sehen Sie auf diesem Foto? Wahrscheinlich nicht mehr als ich, das 12 km entfernte Romanshorn und die Seefläche zur Sommerferienzeit mit ein paar Booten darauf. Und was sieht Marion Hammerl?

Sie sieht einen See, auf dem sich – wir zitieren: „. . .im Sommer Segler,Motorbootfahrer, Surfer und andere Freizeitnutzer... schon fast gegenseitig am Naturerlebnis hindern“ und eine „bestehende Übernutzung des Bodensees vor allem im Sommerhalbjahr“. Marion Hammerl ist Geschäftsführerin der Bodenseestiftung, und das scheint sie umgehend zu legitimieren, was an heißer Luft jüngst von ihrem Umweltrat Bodensee entsprechend der Jahreszeit produziert wurde, per Pressemitteilung unters „Volk“ zu bringen.

Ganz tief ist der Griff in ihre ökologische Mottenkiste, wenn sie dann auch noch behauptet: „Die zunehmende Anzahl von Booten gerade auch ohne Liegeplatz sorgt dafür, dass der Druck auf die geschützten Gebiete weiter zunimmt“. Die IBN-Redaktion kann keine zunehmende Zahl von Booten feststellen. Wir haben die amtliche Schiffstatistik der Schifffahrtskommission Bodensee der letzten zwölf Jahre unter die Lupe genommen. Sie besagen ohne Wenn und Aber, dass die Zahl der zugelassenen und registrierten Schiffe und Boote nahezu konstant ist und sich mit leichten  Schwankungen um die Zahl von 56 000 bewegt. Ebenso konstant sind die Wasser- und Landliegeplatzzahlen, die Slipmöglichkeiten schlussendlich rund um den See sind reglementiert. Und fragt man die Hafenmeister und Hafenbetreiber rund um den See, dann sprechen die eher von einem Gastbooterückgang, der sich in ihrem Geldbeutel bemerkbar macht, denn von mehr Booten auf dem See.

Zu den registrierten Booten kommen diejenigen hinzu, die man problemlos zu Wasser lassen kann“, verkündet Hammerl weiter. Was ist das, fragt man sich? Luftmatratzen, Schwimmringe oder Badeboote? Sind hier z. B. Väter die von ihr ausgemachten Übeltäter, die es wagen, mit ihren Kindern und einem aufblasbaren PVC-Bötchen vom Hinterland an den Ich sehe was, was du nicht siehst See zu fahren, um zu baden, weil man sich einschränken musste, da das Geld wegen der Wirtschaftskrise diesmal nicht für den Familienbadeurlaub sonstwo in der Welt reichte?

Das ist doch genau das, was die Naturschützer sonst immer fordern, dass die Leute nicht wegfliegen und damit ihre „persönliche CO2-Bilanz“ verbessern. Ja, schon – will uns die Öko-Oberliga damit verkünden, aber doch nicht auf Kosten des Bodensees. Also Leute, bleibt zu Hause, schließlich kann man ein Gummiboot auch daheim auf dem Balkon aufstellen und mit Wasser füllen. Denn wenn der Urlaub im eigenen Ländle „für den Baden-Württemberger immer interessanter wird, warnen die Naturschützer vor einer nicht mehr naturverträglichen Überbeanspruchung des einzigartigen Naturraums.“

Ergo: Marion Hammerl und der Umweltrat fordern das, was Naturschützer immer tun: Sperren, diesmal in Form von Pufferzonen für die geschützten Seeund Landflächen dahinter. Doch sind nicht gerade die Wasserflächen vor Naturschutzgebieten schon als Pufferzonen konzipiert? Sicher, trotzdem braucht man jetzt also Pufferzonen für die Pufferzonen.

Und wo Sperren sind, muss es schließlich auch Kontrollen geben, um das von Hammerl und ihrem Umweltrat ausgemachte „riesige Vollzugsdefizit“ sofort zu beseitigen. Womit sie implizit unterstellt, dass die Wasserschutzpolizei ihre Aufgaben nicht wahrnimmt. Am besten wäre es, man würde „Natur-Sheriffs“ ernennen, natürlich aus den grünen Reihen und aus EU-Mitteln bezahlt.

Und dann sind da die neuen Trendsportarten wie Wakeboardfahren und noch schlimmer Kitesurfen, um dessen Verbot es eigentlich ging. Noch grausigerevermuten Hammerl und Co bereits heute auf den See zukommen, und ohne sie zu kennen, werden ihnen bereits im Vorfeld schlimmste Auswirkungen attestiert. Am besten wäre es daher, jede neue Trendsportart per se und von vornherein zu verbieten. Ganz klar gibt es immer wieder Regulierungs- und Handlungsbedarf am Bodensee, wie etwa beim Kitesurfen, es gibt Verstöße uneinsichtiger Wassersportler, die geandet werden müssen oder fragliche Entwicklungen. Die Augen will da niemand verschließen. Doch das, was Hammerl und ihr Umweltrat von sich geben, ist weder sachlich noch zukunfts- und lösungsorientiert.

PDF download