Tipps, keine Rechtssicherheit!

Editorial IBN 2010/10

15.10.2010 von Michael Häßler

Unsere Geduld ist am Ende, meint der Wasserschutzpolizist. Über Jahre haben wir aufgeklärt, jetzt folgen Kontrollen und darauf müssen sich die Wassersportler auf der deutschen Seeseite einstellen. Was den Polizisten erregt und um was es geht, ist das, was sich manche Wassersportler beim Transport ihres Bootes ins Winterlager leisten.

Manchmal gänzlich ungesichert, häufig nur mit ein paar Schoten verzurrt, packen manche ihr Boot auf den Winterlagertrailer und fahren es irgendwo im Hinterland zu einem Schopf zum Überwintern. Das ist Routine seit Jahren, schliesslich ist nie etwas dabei passiert. Die Wasserschutzpolizei dagegen beruft sich auf die Vorschriften der Ladungssicherung.

Leichtsinn ist das Eine, Überregulierung das Andere. Irgendwo dazwischen dürfte, wie meistens, die Wahrheit liegen. Zumindest das Thema Ladungssicherung beim Bootstransport schwankte in den letzten Jahren zwischen beiden Extremen, weil einerseits die Wapo mit ihrer früheren Broschüre etwas über das Ziel hinaus geschossen ist wie die IBN zurecht kritisierte und andererseits mancher Eigner sein Boot allenfalls mit einen ausgedienten Festmacher auf den Anhänger gebunden hat.

Jetzt hat die Wasserschutzpolizei ein neues Merkblatt erstellt, das deutlich realistischer als die bisherigen Veröffentlichungen das Thema behandelt. Insbesondere bei der Beschreibung des früher als verbindlich geschilderten reibschlüssigen Niederzurrverfahrens verzichtet sie auf die ehemals erhobene Forderung, das Boot mit seiner halben Gewichtskraft auf den Anhänger zu pressen und empfiehlt stattdessen eine minimale Vorspannkraft der Ratsche von 200 Dekanewton. Die Gurte sollen also lediglich dazu dienen, das hüpfen des Bootes in seinen Lagern zu verhindern. Das ist, zumindest bei einem Grossteil der Boote umsetzbar.

Ob es tatsächlich zur Sicherheit beiträgt ist aber fraglich und hält von den Gegebenheiten der Direktverzurrung ab, die ebenfalls eine nach unten gerichtete Kraftkomponente aufweist. Auch wenn im neuen Merkblatt eine Kombination von Diagonal- und Niederzurrverfahren als optimal empfohlen wird, sind nicht mehr beide Verfahren parallel als zwingend dargestellt. Damit folgt die Wapo jetzt den VDI-Richtlinien, die für das Transportgewerbe gelten.

Diese Richtlinien lassen die Wahl zwischen beiden Verzurrarten, weil nicht jedes Verfahren für jede Ladesitution anwendbar ist. So kann man einen Betonklotz durchaus mit Gurten so fest auf die Bretter der Ladepritsche pressen, damit er beim Bremsen nicht mehr verrutscht. Bei einem Boot ist das schlicht nicht möglich. Es würde durch den hohen Druck der Gurte zerstört werden. Andererseits ist ein Betonklotz nicht im Direktzurrverfahren zu befestigen, weil er dafür Anschlagpunkte brächte. Im Güterverkehr stehen also beide Verfahren, je nach individueller Situation, gleichberechtigt nebeneinander.

Auch das neue Merkblatt kann daher keinesfalls als verbindliche Grundlage dienen, bei einer Verkehrskontrolle die Ladungssicherung zu beurteilen. Auch kann es nicht dazu dienen, dem Bootseigner Rechtssicherheit zu verschaffen. Es ist eine Sammlung von gut gemeinten Tipps der Wapo zum Thema Bootstransport. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wer bei diesem Thema rechtlich auf der sicheren Seite sein will, kommt um das Studium der VDI 2700-Richtlinien nicht umhin und muss seine persönliche Ladeaufgabe in deren Sinn lösen. Sie liefert die einzig verbindliche Grundlage im Güterverkehr und erfordert etwas physikalisch-mechanisches Verständnis. Dabei wird mancher Bootseigner feststellen, dass er insbesondere bei seinem rollenden Winterlagerbock zu allerlei Kompromissen gezwungen wird. Die Polizei unterscheidet bei der Ladungssicherung nämlich nicht zwischen einem modernen Tieflader mit hocheffektiver Luftdruckbremse und einem 6km/h-Anhänger hinter einem alten Schlepper mit mechanischen Bremstrommeln.

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