Eine gut gedeckte Tafel

ente

27.01.2011 von J. Delis

Der allwinterliche Schichtwechsel ist vollzogen. Während die Hobbykapitäne ihre Boote ins Trockene brachten, wasserten dafür abertausende Wasser-vögel im Bodensee. Seine Flachwasserzonen bieten den Saisongästen ein gebührenfreies Winterlager, sogar mit reichlicher Gratisverköstigung am Unterwasserbuffet.
Nach der letzten Zählung der Mitarbeiter der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee hielten sich bereits Mitte November 2010 über  205 000 Wasservögel am Bodensee auf. Den größten Anteil stellen Entenarten, die mit großen „Teppichen“ augenfällige Massierungen bilden, die Spaziergänger am Seeufer staunen lassen. Die Flachwasserzonen, besonders in der Fußacher Bucht, vor dem Rheinspitz und im Untersee halten in der kalten Jahreszeit Futter in rauen Mengen bereit, die sowohl die tauchfähigen Vegetarier als auch die Enten nutzen, die sich auf Muscheln spezialisiert haben.
Der Anflug der Wintergäs­te aus Nord- und Osteuropa begann bereits Anfang Ok­tober. Wenn dort die Temperaturen sinken, ist dies für die Vögel das Zeichen für den Abflug Richtung Süden, wo Futtervorräte das Überleben im Winter ermöglichen. Der Bodensee wird besonders frequentiert. Noch kann das Gesamtergebnis nicht vorliegen, aber im Winter 2009/10 wurden nach Angaben des Ornithologischen Arbeitskreises Bodensee (OAB) im Zeitraum vom September bis April am ganzen See 2,1 Millionen Wasservögel gezählt.

Auffällig stark ist in dieser Saison die Invasion der Kolbenenten. Während diese Art vor 40 Jahren noch zu den seltenen Wintergästen zählte, kommen sie nun zu zehntausenden. Offensichtlich verschob der Klimawandel die Winterquartiere. „Die starke Zunahme dieser Art hängt damit zusammen, dass flache Seen im westlichen Mittelmeergebiet, die ursprünglichen Winterquartiere der Kolbenenten, durch mehrere Jahre dauernde Dürreperioden ausgetrock­net waren und milde Winter in unseren Breiten das Überwintern erleichtert haben“, erklärt Harald Jacoby von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee.
Den Eindruck, dass es sich angesichts der gebietsweise beobachteten Massierung von Enten heuer um einen Rekordzuzug handle, korrigiert Jacoby mindestens für den Spätherbst und Vorwinter. „In den besten Jahren waren im November schon 25 Prozent mehr Wintergäs­te am Bodensee.“ Eher ungewöhnlich ist aber die Verteilung der Entenschwärme. Die größten Ansammlungen werden im Rheindelta und am Untersee registriert. Am Vorarlberger Seeufer hielten sich am Stichtag der letzten Zählung Mitte November  rund 60 000 Wasservögel auf, das sind etwa 30 Prozent der Wintergäste.
Die Fußacher Bucht wurde zum riesigen Ententeich, in dem sich große Bestände von Reiher-, Tafel- und Kolben­enten tummeln, dazu kommen tausende Blesshühner. Noch mehr Vögel halten sich am westlichen See auf, etwa 45 Prozent konzentrieren sich am Untersee. Schlechter „gebucht“ ist das Schweizer Ufer. Dort fehlen größere Flachwassergebiete, womit das Nahrungsangebot dürftiger ausfällt.
Der See ernährt sowohl Vegetarier als auch Muschelfleischliebhaber mit großen Vorräten, die sich den  Sommer über bildeten. Die Hauptnahrung etwa der Reiherenten oder der Tafelenten bilden die Dreikantmuscheln, die sich seit Mitte der 60er-Jahre im See zu Millionen vermehrten. Die Enten tauchen bis über 10 Meter tief auf den Grund, um die Muscheln abzulösen. Verschluckt werden die kleinen Muscheln samt der harten Schale, der Magen kann die Kalkgehäuse auflösen und das Fleisch verdauen. Die Wintergäste verhindern eine weitere Explosion der Bestände der Dreikantmuscheln, in Flachwasserzonen werden die Muschelbänke bis zu 95 Prozent abgeweidet. Ohne den die Bestände dezimierenden Appetit der Enten sind die Folgen der wuchernden Dreikantmuscheln, den Bootsbesitzern als unliebsamer Belag bis in die Kühlwasseransaugstutzen gut bekannt, kaum auszumalen. 
Die Kolbenenten, deren Erpel fallen durch ihre leuchtend orangefarbenen Köpfe und feuerroten Schnäbel auf, während sich die Weibchen mit Brauntönen bescheiden, halten sich dagegen streng an vegetarische Kost. Sie ernähren sich vor allem von Armleuchteralgen. Diese auch im Winter grünen Pflanzen, die mit der Überdüngung des Sees fast verschwunden waren, breiten sich wieder zur Plage aus, seit das Wasser viel sauberer ist. Mit dem Wuchern der weithin monotonen „Algenrasen“ stieg auch die Zahl der pflanzenfressenden Wintergäste sprunghaft an.
Gegenüber den Entenarten bilden die von den Fischern ungeliebten Kormorane ge­genwärtig nur eine Randerscheinung. Immerhin ergab die letzte Zählung im November, dass sich am ganzen See 680 der „Schwarzfischer“ aufhalten. Dies trotz der behördlich genehmigten Vergrämungsmaßnahmen und Abschüsse, die vor allem den Brutbestand an der Fußacher Bucht reduzierten. Die angestrebten höchstens 30 Horste wurden zwar nicht erreicht, der Sommerbestand gegen­über vergangenen Jahren deutlich gesenkt. Auf den Res­ten der Brutbäume an der Sandinsel unterhalb des Harder FKK-Geländes legten im Frühling 2010 58 Kormoranpaare Nester an. 45 Paare waren erfolgreich und zogen 90 Jungvögel auf. In Grenzen gehalten wurde die Kormoranpopulation aber auch durch die Abwehrmaßnahmen der deutschen Anrainerländer. 

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