Basiswissen: Fall einziehen

pilotleine

Radolfzell, 20.10.2012 von Michael Häßler

Viele reden über Seemannschaft, dem „Handwerk, mit einem Boot umzugehen“. Die IBN greift in einer Serie Grundlagenwissen auf.

Die Genua hängt zwischen den Stagreitern durch. Es ist halt doch etwas zu viel Wind für das große Vorsegel. Wir müssen das Fall noch etwas mehr durchsetzen, dann wandert das Profil etwas weiter nach vorn und die krängende Kraft nimmt ab.
Ein lauter Knall und das Segel kommt von oben. Das Adrenalin schießt in den Körper, aber ein Blick ins Rigg beruhigt. Stehendes Gut und Segel sind in Ordnung. Es ist „nur“ das Fall gerissen. Die Genua wird an Deck festgelascht und der Schaden im Hafen begutachtet.
Die Leine ist an der Stelle gerissen, an der sie abgemantelt und der Mantel mit dem Kern verspleißt wurde. Hier entsteht, durch die Umlenkung der Fasern, eine Stelle, an der nicht alle Fasern gleich stark belastet werden. Die Abmantelung ist aber notwendig, weil das Rigg ursprünglich für ein Fall mit dünnem Drahtvorläufer ausgelegt wurde, ein Dyneema-Fall aber aus verschiedenen Gründen vorgezogen wurde.
Der Kern des Falls kann gespleißt werden. Zwei Augspleiße werden dafür in einander gesteckt. Der Mantel wird nicht mehr verspleißt, sondern mit einem Takling und ein paar Stichen auf dem Kern fixiert. Die lasttragenden Fasern sollen möglichst wenig umgelenkt werden.
Zum Einfädeln des Falls gibt es verschiedene Methoden. Am besten geht es, wenn der Mast steht. Ein besteigbarer Takelmast erleichtert die Sache.
Ob mit Takelmast oder Bootsmannsstuhl, dort oben findet man alles andere als einen bequemen und ergonomischen Arbeitsplatz vor. Man muss auch damit rechnen, dass man nur mit einer Hand arbeiten kann.
Es empfiehlt sich, benötigtes?Material und Werkzeug in einer Umhängetasche mit nach oben zu nehmen und dieses zusätzlich mit einer dünnen Leine, vielleicht am Gurt der Tasche zu sichern. Eine Zange, die aus zehn Metern Höhe nach unten knallt, kann für eine an Deck stehende Person gefährlich werden.
Ohne korrekte Absturzsicherung sollte man den Takelmast nicht besteigen. Zusätzlich kann ein stabiler Stropp oder eine Lifeline in der Tasche enthalten sein, die man oben zur zusätzlichen Eigensicherung oder zur Fixierung des schwankenden Masts verwenden kann, damit man beide Hände zum Arbeiten frei hat.
Eine Rolle Tape, ein scharfes Messer und eine Kombizange kann man ebenso gut gebrauchen wie Silikonspray, um die Rollen zu schmieren und Anti-Spinnen-Spray, um den Verklick­er gangbar zu halten, wenn man schon mal da oben ist.
Um das Fall wieder einzuziehen, mus zunächst eine, an einem Ende beschwerte Pilotleine eingefädelt werden. Das kann eine Bleileine von Muttis alten Gardinen sein, eine Angelschnur mit Bleigewichten oder andere kreative Lösungen.
Egal wie die Konstruktion aussieht: Sie muss schwer und gleichzeitig flexibel sein, um auch engen Radien folgen zu können. Deshalb sind viele kleine Gewichte besser als wenige große.
Der Autor bevorzugt eine stabile, etwa 30 Zentimeter lange Flechtschnur, mit einer Anzahl aufgezogener M3-Muttern. An beiden Tampen ist eine Schlaufe angebracht, an die die eigentliche Pilotleine gesteckt werden kann. Der Vorteil dieser Konstruktion ist, dass sie durch Zug an der Leine gegen die Muttern steif wird und dadurch waagrecht in den Rollenkasten gesteckt werden kann. Das funktioniert auch mit nur einer Hand und ist insbesondere dann hilfreich, wenn die Rolle etwas innerhalb des Fallenkastens montiert ist.
Die Muttern aus hartem Metall haben den weiteren Vorteil, beispielsweise gegenüber einer Gardinenschnur, dass man genau hört, auf welcher Höhe sie sich gerade befinden. Hindernisse wie Bolzen, Nieten  oder Beschläge lassen sich so lokalisieren. Auch verlassene Vogelnester haben schon Mastrohre „verstopft“, wenn das Boot vielleicht einen Sommer mal nicht im Wasser war.
Um die Leine unten aus dem Mast zu bekommen, gibt es ebenfalls verschiedene Möglichkeiten. Die einfachste Variante ist ein zum Haken umfunktionierter Schweißdraht. Auch ein Krallengreifer oder ein Magnet am Teleskoparm, wie man diese im Werkzeugkas­ten eines Feinmechanikers findet, können vorteilhaft sein.


Pilotleine ...

Danke Michael für die Anregung mit den M3 Muttern, die ich evtl. nächstes Mal einsetzen werde.
Klaus A. Müller am 10.09.2018 14:49:12
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