Was soll man noch glauben?

Editorial IBN 2010/12

15.12.2010 von Michael Häßler

Schreckensbilder von „Ufererosionen“ wurden in den achtziger und neunziger Jahren fast täglich projeziert. Sie galten und gelten noch immer als dramatische Symbolbilder für den erbarmungslosen Krieg, den der „raffgierige Mensch“ gegen die „wehrlose Natur“ führe.

Die Bilder werden gerne von Politikern, Naturschutzverbänden, Bürgermeistern, Gemeinderäten und Landschaftsarchitekten gezeigt, um ihren Interessen emotional-medialen Nachdruck zu verleihen. Nur wenige Leute fragen kritisch nach, was der Mensch denn tatsächlich mit unterspülten Baumwurzeln zu tun haben soll. Zumindest wird diese Frage selten in der Öffentlichkeit gestellt. Auch wird selten gefragt, ob mit dem finanziellen Einsatz für eine angebliche Naturschutzmaßnahme tatsächlich ein Gewinn für die Natur erzielt wird. Und wenn jemand mal kritisch „laut nachdenkt“, wird er von interessierter Seite als „Umweltschutzgegner“ dargestellt.

Jedenfalls erfahren wir jetzt von den Seenforschern (siehe Artikel auf Seite 10), dass „Ufererosion“ in Wahrheit der natürliche Zustand am Bodensee ist und schon immer war. Genau diese (natürliche) Ufererosion zu bekämpfen, ist also Argument für die teuren „Uferrenaturierungen“, für die sich auch das Institut für Seenforschung jahrzehntelang stark gemacht hat. Wer soll das verstehen? Was, und vor allem wem, soll man noch glauben?

Warum haben die Wissenschaftler nicht schon damals den schrillen Alarmisten, auch in den eigenen Reihen, entschieden und deutlich widersprochen und ihnen mit wissenschaftlichen Argumenten auf die nach dem Volksvermögen ausgestreckten Finger geklopft? Warum sind sie auf der allgemeinen Hysteriewelle mitgeschwommen und haben diese vielleicht sogar mit verursacht? Sind schnelle Forschungsmittel tatsächlich wichtiger als die eigene, langfristige Glaubwürdigkeit?

Mancher Steuerzahler zweifelt schon lange am Sinn der teuren Baumaßnahmen, die allein in Baden-Württemberg 32 Millionen Euro gekostet haben und sicherlich noch einiges kosten werden. Denn schließlich ist „Renaturierung“ jetzt gesetzlich verankert und muss, vom konkreten Nutzen weitgehend unabhängig, durchgeführt werden. Natürlich sind 32 Millionen Euro wenig im Vergleich zu den damaligen Baukosten der Kläranlagen, wie Dr. Wessels vom Institut für Seenforschung in seinem Vortrag feststellt. Aber lassen sich diese beiden Dinge tatsächlich miteinander vergleichen?

Wer den „Staat“ als Treuhänder und Verwalter des Volksvermögens sieht, wird zu Recht Wert darauf legen, dass vor jeder finanziellen Ausgabe die Frage nach dem Nutzen beantwortet wird. Was Dr. Wessels vom Institut für Seenforschung bei seiner Kostenrechnung übrigens nicht benannte, ist der finanzielle Anteil der Wassersportler, die gerne zwangsweise über „ökologische Ausgleichsmaßnahmen“ an den Kosten für die „Uferrenaturierung“ beteiligt werden.

Es geht nicht um die Bewertung der Ästhetik einer „Renaturierung“ oder um deren Sinn. Es geht darum, dass eine widernatürliche Maßnahme begrifflich „auf den Kopf gestellt“ wird. Wenn „Renaturierung“ nichts anderes bedeutet, als die natürliche Ufererosion zu verhindern, dann ist das eigentlich fast nichts anderes als das, was unsere Vorfahren schon im Sinn hatten, als sie ihre Ufermauern gebaut haben. Mit „an den Haaren herbeigezogener“ Öko-Rhetorik wird man längerfristig jegliche Glaubwürdigkeit verlieren.

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