Kreuz und quer durch Europa

vom Boot aus gesehen

16.12.2010 von IBN

Europa ist von einem System von Wasserstrassen durchzogen. Wie ein Spinnennetz überzieht es den Kontinent von der Nord- und Ostsee bis zu Mittel- und Schwarzen Meer. Flüsse sind über Kanäle, Kanäle wieder über andere miteinander verbunden und erlauben es auf eigenem Kiel kreuz und quer durch Europa zu reisen.

Das kann man auf verschiedene Art und Weise tun. Mit einen gecharterten Hausboot, das einem ausgewählte, aber eingeschränkte Reviere für eine bestimmte Zeit im Urlaub zugänglich macht. Oder für einen längeren Zeitraum mit dem eigenen Boot. Als Wolfgang Rösel und seine Frau Sabine ihre Bootsreise planen, sind die Ziele von vornherein klar definiert. Sie wollten weder Kurzurlauber sein noch in die Nische der Aussteiger rücken, für die das eigene Boot ein mobiles Schneckenhaus darstellt, auf dem sie sich ohne Brücke in die alte Heimat einkasteln. 

Sie wollen zwar auf dem Boot und auf dem Wasser leben. Die in längere Etappen über mehrere Jahre eingeteilte Reise hat aber ein klar definiertes Ziel: die kulturhistorischen Gegebenheiten im Herzen Europas kennenlernen, eigene Entdeckungen machen oder den Menschen an Flüssen und Kanälen das zu entlocken, was nicht in den Reiseführern steht. Dazu zählen etwa Siedlungsgeschichte an den Gewässern, soziale, kulturelle und politische Entwicklungen über die Zeitläufe, Geschichte des Wasserbaus, der Schiffe, der Kanäle und Schleusen. 

Die Kanalfahrt ist also von vornherein als Kulturreise konzipiert. Vier Jahre dauert die Fahrt mit der Linssen Dutch Sturdy 320 AC „Zinfandel“, aus der eine intensive Beschäftigung mit breitgefächerten Themen am Wasser und um das Wasser wird. 

Am Ende jeder der Etappen kommt das Boot vor Ort ins Winterlager, im Frühjahr findet die Reise ihre Fortsetzung. Die Wohnung wird nie aufgegeben, Heimatkontakte nie abgebrochen. Selbst gearbeitet wird vom Boot aus und der Kontakt ins eigene Büro gehalten, das also Zweitwohnung, Büro und Forschungsplatz ist. Wichtigste Verbindung zur Außenwelt ist das Internet. Fernsehen hatten die beiden Europareisenden nicht an Bord, dazu gibt es zuviel zu entdecken.

Der Ausgangspunkt der Reise ist der Bodensee, wo die beiden ehemaligen Segler ihre Hallberg Rassy 29 gegen den holländischen Stahlbau eingetauscht haben und endet jetzt auch wieder hier bei ihrem Verein, der YV Komoran, nachdem der Tieflader die Zinfandel in Kressbronn abgeladen hat. Jeweils rund 150 Tage ist die Crew an Bord, legt dabei etappenweise um die 2000 Kilometer und insgesamt 8000 Kilometer zurück. Akribisch hält der Skipper die Schleusungen fest: 937 sind es an der Zahl, fast alle acht Kilometer eine. 

Die Idee für ihre Reise ist entstanden, als Wolfgang und seine Frau, beide Architekten, er ehemaliger Hochschullehrer, auf dem Brenta-Kanal zwischen Padua und Venedig, entdecken, was für ein unvergleichliches Bild die weltbekannten Palladio-Villen bieten, wenn man sie statt von Land aus, vom Wasser aus entdeckt, auf das sie ausgerichtet sind.

„Wir waren schon mehrmals in Venetien gewesen, sind aber sozusagen immer durch den Hintereingang gekommen, während wir jetzt die zum Wasser hingerichtete Schokoladenseite vorgeführt bekommen. Wo Wasser ist, da wollen die Menschen am Wasser sein. Die Idee lag also nahe, die Wasserwege zu befahren, wo sich die Kultur entwickelt hat und dazu gehören alle großen Ströme soweit man sie erreichen und befahren kann“, erklärt Rösel den Hintergrund seiner Ambitionen, die vielleicht nicht die Grundlage für eine spektakuläre Reise, dafür aber für viele neue Entdeckungen sind.

Ihre erste Route nach dem Transport ihrer Zinfandel vom Bodensee nach Basel führt über Rhein, Canal d’Alsace, Canal du Rhone au Rhin in den Neckar, Main bis in die Donau.

Im folgenden Jahr wird die Donau bis Bratislava erkundet, bevor die Zinfandel dann zurück und in die Mosel bis Trier gesteuert wird. Es folgt als dritte Etappe die Fahrt durch die Vogesen ins Burgund, mit 566 die schleusenreichste Strecke. Ein großes Ziel ist Paris, danach zeigt der Bug nordwärts, nach Belgien und in die Niederlande. 

Den Abschluss im vierten Jahr bildet die Fahrt über den Dortmund-Ems-Kanal, Mittellandkanal, Weser, Havel und Oder bis nach Berlin, dem Endziel der Fahrt, wo die Zinfandel nach der letzten Erkundung der Bundeshauptstadt und ihrer vielen Wasserstraßenkilometer wieder für den Transport an den Bodensee verladen wird. Ausgespart ist lediglich der Weg nach Süden, der über die Rhone möglich gewesen wäre. Zu touristisch und zuviel Betrieb wegen der Charterboote, meint Wolfgang Rösel.

Die Wasserstraßen hatten jahrhundertelang eine immense Bedeutung, sie waren sichere und schnelle Transportwege und an ihnen entstanden seit der Römerzeit wichtige Städte und bedeutende Kultur. Das zeigt sich währen der Fahrt immer wieder, wirft Fragen auf nach dem wann, wie, von wem und warum.

Die Römer nutzten die natürlichen Wasserläufe bevorzugt für den Schiffstransport schwerer Güter, vor allem Baumaterial. Sie verbauten roten Sandstein vom Main und Odenwälder Granit in Trier an der Mosel. Und so läßt sich auf den Wasserstraßen ihre Spur bis heute entdecken. In Frankreich spielten natürliche Fließgewässer als Transportwege für Baustoffe eine Rolle. Zeitweise lag die treibende Kraft des Kanalbaus in dem Wunsch, Nordsee und Atlantik mit dem Mittelmeer zu verbinden. Dazu war es nötig, die den verschiedenen Meeren zufließenden, schiffbaren Wasserläufe untereinander so zu verbinden, dass ein durchgehender Schiffsverkehr möglich wurde, der das mühsame Umladen der Fracht zwischen Schiff und Fuhrwerk erübrigte.

Das heutige Schicksal der natürlichen und künstlichen schiffbaren Wasserwege Frankreichs wird beim Vergleich einiger von Rösel zusammengetragener Zahlen deutlich: um 1800 gab es 1000 Kilometer Kanäle gegenüber 7000 km schiffbarer Flussläufe. 1830 existierten 2000 und 1843 gut 4000 Kanalkilometer. 1879 zählte man in Frankreich 12.467 km schiffbare Flüsse und Kanäle. 

Die Eisenbahn und die LKWs jagten der Schifffahrt im Laufe der letzten zweihundert Jahre den Großteil ihrer Fracht ab, was vor allem den Rückgang der Kanalstrecken zur Folge hatte. Derzeit sind nur noch etwa 8.000 km Wasserwege als stauregulierte Flüsse und Kanäle in Frankreich schiffbar, also in etwa so viel wie um 1800.

Die Fahrt durch das Industrierevier Lothringens zeigt den Rösels eindrucksvoll die verfallenden Spuren einstiger Blüte industrieller Stahl-erzeugung, zu deren besseren Anbindung an das kontinentale Wasserstraßennetz De Gaulle einst die Moselkanalisierung mit Adenauer aushandelte.

Der Güterschiffsverkehr ist heute sehr gering. Pro Tag hatte die Zinfandel vielleicht eine bis zwei Begegnungen mit Schrotttransportern, welche die wenigen verbliebenen Hüttenwerke belieferten und zu Tal u.a. die lothringischen Rohstahlcoils befördern.

Kanäle konnten jedoch auch von vornherein Misserfolge sein wie der Ludwig-Donau-Main-Kanal, der in Bamberg begann und neben dem Bett der Regnitz verlaufend nach Nürnberg führte, dann nach Osten abknickte und schließlich nach Dietfurt, wo er im Bett der Altmühl aufging, um in Kelheim in die Donau zu münden. Seine Länge betrug 174 km, die Anzahl der Schleusen 100. Dass dem Kanal der wirtschaftliche Erfolg versagt blieb, lag vor allem an der Eisenbahn, die schneller und pünktlicher Güter und Personen zu befördern vermochte, brachte Rösel auf seiner Reise in Erfahrung. 

Heute sind vom Ludwig-Kanal nur noch Spuren und geringe Reste erhalten. Die noch sichtbaren Kanalstrecken, Schleusen und Länden stehen sämtlich unter Denkmalschutz als Zeugen der industriellen Frühepoche. 

Auf jedem Streckenabschnitt sammelt Rösel Dutzende von Büchern, die er mit nach Lindau bringt, wo er sich jetzt weiter in die Themen vertieft. Ein Buch ist in Arbeit, das die genannten Aspekte beleuchtet. 

„Das wird sicher kein Rezeptbuch für Kanalfahrten“, betont Rösel. Doch haben natürlich auch seine Frau und er viele praktische Erfahrung auf ihren vier Reisen gesammelt. 

Die Linssen Dutch Sturdy 320 AC z. B. wurde gezielt und überlegt ausgewählt. Sie wurde so angepasst, wie es den Bedürfnissen des Ehepaars entsprach. Denn beiden war klar, dass Tiefgang, Bootsbreite, Durchfahrtshöhe und nicht zuletzt die Motorleistung eine wichtige Rolle spielen, wenn man durch die Wahl des falschen Bootes sich seine gesetzten Reiseziele nicht von vornherein verbauen oder seine Liegemöglichkeiten stark einschränken will. 

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er nicht nur viel erzählen, er sammelt zwangsläufig Erfahrungen –  viele gute, manche schlechte. So mußten die Rösels feststellen, dass den Angaben in den Bootstörnführern über Versorgung mit Strom und Wasser, Duschen und Toiletten, Tank- und Einkaufsmöglichkeiten sowie andere für den Skipper wichtigen Hinweisen generell äußerst skeptisch zu begegnen ist. 

Überraschungen begegnet man am besten durch ausreichende Vorräte an Bord, großzügige Kraftstoffplanung und technische Unabhängigkeit von einer Land-stromversorgung. An Bord der Zinfandel liefert daher der Bordgenerator mit 230 V Wechselstrom, um die Batterien aufzuladen oder den Betrieb von Laptops oder anderen Geräten zu unterstützen. Nur so kann man des öfteren auf komfortable Marinas und bestens ausgestattete Stege verzichten.

Romantische Liegeplätze an der Kanalböschung wechseln sich ab mit einfachen Häfen, Luxusmarinas wie dem Arsenal mitten in Paris, zwangsläufig läßt sich manchmal aber auch das Festmachen an einer Industriebrache nicht vermeiden. Auch dass man ein Boot anschließen muss, weil es sonst nächtliche „Spaßvögel“ losbinden, müssen die beiden erfahren. Nachdem sie zweimal ungewollt nachts abgetrieben sind, besorgen sie sich in Frankreich ein lange Kette und ein dickes Schloss und ketten die Linssen ausserhalb von Häfen nachts an. 

An Bord gehört zudem das richtige Sortiment Erdanker für die verschiedenen Untergründe und ein schwerer Hammer, um sie ins Erdreich treiben zu können.

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Binnenfahrt im Abendland Die in längere Etappen über mehrere Jahre eingeteilte Reise hat ein klar definiertes Ziel: die kulturhistorischen Gegebenheiten im Herzen Europas kennen lernen, eigene Entdeckungen machen und den Menschen an Flüssen und Kanälen das entlocken, was nicht in Reiseführern steht. Die Linssen Dutch Sturdy 320 AC legte 8006 Kilometer zurück, passierte 937 Schleusen und lief 240 Häfen undLiegeplätze an. Wolfgang Rösel, Vom Boot aus gesehen, 530 Seiten, 29,90 Euro

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